E-Scooter – leihen oder kaufen? Update 2023

Erstellt von Dietrich Limper um 12:03 Uhr am 30. März 2023

Im März 2020 haben wir schon einmal über dieses Thema berichtet und die Anschaffungskosten mit den Mietgebühren für einen E-Scooter verglichen. Das Ergebnis war ziemlich eindeutig: die Kosten für einen Miet-Scooter, der für den täglichen Weg zur Arbeit (10 Minuten) benutzt wurde, lagen bei rund 1.400 Euro im Jahr. Für dieses Geld bekommt man allerdings auch locker seinen eigenen E-Scooter, zum Beispiel den TRITTBRETT Kalle. Die Vorteile sind aber nicht nur monetär, sondern der Zustand und die Verfügbarkeit des gekauften E-Scooter liegt in den eigenen Händen. Für Menschen, die abseits der Metropolen wie Berlin, München, Hamburg oder Köln leben, ist die Anschaffung eines E-Scooters alternativlos, weil es in ihrer Umgebung keine Verleiher gibt. Schauen wir doch mal, wie sich das Geschäft rund um die Leih-Scooter in den letzten Jahren entwickelt hat.

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E-Scooter Verleih: Schwarze Schafe , Abmahnungen und der Volkszorn

Mit großem Getöse drängte 2017 der amerikanische Player BIRD auf den Markt. Das einzige börsennotierte Unternehmen unter den Mobility-Anbietern expandierte weltweit in 400 Städte, der Börsenkurs lag kurzzeitig bei neun US-Dollar, der deutsche Rivale CIRC wurde geschluckt, doch dann ging es stetig bergab. Stand 29. März 2023 lag die Aktie bei 0,19 US-Dollar, in den Bilanzen tauchten Unregelmäßigkeiten auf und bereits im Herbst 2022 hatte man sich aus Deutschland, Schweden und Norwegen zurückgezogen. Auch das Geschäftsmodell mit Franchisenehmern scheiterte, denn die Verträge lockten in eine Schuldenfalle und wurden von Anwälten als „unklar und schwer verständlich“ bezeichnet.

Wieder andere Unternehmen, wie beispielsweise VOI aus Schweden, entdeckten das Flatrate-Modell und boten Monatskarten und Tagespässe an. Doch die Werbung mit einer „unbegrenzten Anzahl von Fahrten“ war irreführend, denn die Nutzung war sehr wohl begrenzt. Das führte zu einer Abmahnung durch die Verbraucherzentrale Hamburg wegen „unlauterem Geschäftsgebaren“. Gleich 54 Anbieter wurden im Juni 2022 abgemahnt, denn die AGBs enthielten Rechtsverstöße und in einigen Fällen wurde gar Klage erhoben. Die Juristen teilten mit, dass „eine außergewöhnlich hohe Zahl an Klauseln unwirksam seien“. Außerdem seien die AGBs „eher undurchsichtig und alles andere als verbraucherfreundlich“.

Bitter wurde es für die E-Scooter Vermieter BOLT, LIME, TIER und VOI in Köln, denn die Stadt verhängte im Mai 2022 Sondernutzungsgebühren in Höhe von insgesamt 450.000 Euro pro Jahr (85 bis 130 Euro pro Fahrzeug). Als Begründung wurde angeführt, dass „von ordnungswidrig auf Fuß- und Radwegen abgestellten E-Scootern erhebliche Beeinträchtigungen für die Allgemeinheit ausgingen". Der Volkszorn über die wild herumstehenden und -liegenden E-Scooter hatte gesiegt und am 11.01.2023 wies das Verwaltungsgericht Köln die Gegenklagen der vier genannten Unternehmen ab. Nun muss das Oberverwaltungsgericht in Münster über die Berufung und Beschwerde entscheiden. Besonders interessant ist ein Nebensatz aus der Pressemitteilung des VG Köln: „Zudem leisten sowohl Bike- als auch Carsharing-Angebote einen größeren Beitrag zur Reduzierung des individuellen Autoverkehrs als E-Scooter.“ Die Begeisterung der Verkehrsmanager scheint mittlerweile in Unwillen gegenüber den E-Scooter-Verleihern umgeschlagen zu sein.

Verdrängungswettbewerb und Flatrates

Der Mobility Markt ist hart umkämpft und die Player werden weniger und weniger. Das Image der Verleiher ist schlecht, die E-Scooter nerven in den Innenstädten, für den Winter gibt es kein funktionierendes Geschäftsmodell und die Öko-Bilanz der Miet-Scooter ist katastrophal, denn immer noch sind viele Leih-Roller nach wenigen Monaten so defekt, dass sie verschrottet werden müssen. Teure Akkus landen schließlich auf Müllhalden in Ghana und die Herstellung neuer Roller belastet den CO2-Haushalt. Götterdämmerung für das Mietgeschäft mit den E-Scootern?

Nein, ganz verschwinden wird dieses Geschäftsmodell nicht und es macht in Städten auch durchaus Sinn, wenn nicht gar zu viele Anbieter den exakt gleichen Service bieten. Wahrscheinlich muss sich der Markt gesundschrumpfen, wie zum Beispiel die Übernahme von SPIN, einer Tochtergesellschaft von FORD, durch TIER im März 2023 belegt. Als Grund für die Kapitulation nannte SPIN „dass andere Mitstreiter einen ruinösen Wettbewerb betreiben“. TIER kann sich über zusätzliche 50.000 E-Scooter freuen und außerdem übernahm die Company den Fahrradverleih NEXTBIKE.

In Deutschland sind der derzeit folgende Unternehmen maßgeblich in den Preiskrieg verwickelt: BOLT, LIME, TIER und VOI. Dabei sind die Strukturen der Gebühren mittlerweile eine Wissenschaft für sich. Es gibt Monatsabos für 69,99 Euro mit 750 Minuten oder 300 Minuten für 29,99 Euro. Der Minutenpreis liegt mal stabil bei 19 Cent, andere verlangen 25 Cent. Die Freischaltung kann hier 49 Cent kosten, woanders bis zu 1,20 Euro. Manche Roller haben eine spezielle Markierung mit der man sich Freiminuten „verdienen kann“. Andere Abos sehen auf den ersten Blick mit 13,99 Euro für 100 Minuten sehr günstig aus, sie sind aber nur maximal drei Tage gültig. BOLT hingegen verzichtet völlig auf Flatrates, sondern verlangt 21 Cent für die Minute, eine Pause kostet 12 Cent, aber dafür ist die Entsperrung kostenlos. Die Anbieter verwirren ihre Kunden durch ständig wechselnde Gebühren und Tarife, bei denen auch noch das Kleingedruckte genau gelesen werden muss. So wird die Lösung der Mobilitätskrise zu einem Dschungel der Kosten.

E-Scooter Parken vor der Tür oder in der Parkzone?

Jeder der mal einen der Leih E-Scooter genutzt hat kennt das Problem: man fährt nicht bis vor die Türe seines Ziels sondern muss den Leihroller in der durch Geo-Fencing ausgewiesenen Parkzone abstellen. Außerhalb dieser markierten Bereiche lässt sich die Fahrt weder beenden noch pausieren. Oft sind diese Bereiche aber weit weg vom eigentlichen Ziel und machen die Micromobilität weniger attraktiv. Anders beim eigenen E-Scooter: den kann ich beliebig abstellen, solange er niemanden stört. Im Zweifel nehme ich ihn auch mit ins Gebäude, Geschäft, Behörde … in der Praxis kann das den eigenen E-Scooter deutlich attraktiver machen.

Rote Zone: Permanentes Fahr- und Parkverbot, Gelbe Zone: Ausleih- und Parkverbot von 17:00 bis 6:00 Uhr, Türkise Zone: Temporäres Ausleihverbot Blaue Zone: Parkverbot auch außerhalb der Wiesnzeit
Geofencing von E-Scootern auf dem Oktoberfest München
  • Rote Zone: Permanentes Fahr- und Parkverbot

  • Gelbe Zone: Ausleih- und Parkverbot von 17:00 bis 6:00 Uhr

  • Türkise Zone: Temporäres Ausleihverbot

  • Blaue Zone: Parkverbot auch außerhalb der Wiesnzeit

Ausblick und Fazit

Schon bald wird sich der Markt bereinigen müssen und es werden nur wenige Anbieter übrigbleiben. Die Frage ist einfach, wer diesen knüppelharten Wettbewerb am längsten aushält. Die Begeisterung bei Investoren hält sich in Grenzen, denn noch immer weisen die Unternehmen kaum Gewinne aus. Außerdem wird es zusehends attraktiver in den Markt mit Miet-Bikes und E-Bikes einzusteigen, wie beispielsweise in München, wo die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) unschlagbare Preise bietet. LIME und TIER haben aber dieses Segment auch für sich entdeckt und verstärken das Geschäft mit den E-Bikes zum Ausleihen. War die Idee mit den Miet-Scootern vielleicht von Anfang an gar nicht so gut?

Wie bereits eingangs erwähnt, brauchen sich Menschen jenseits der Metropolen darüber keine Gedanken zu machen, denn sie müssen sich nicht für einen Verleiher entscheiden, sondern eher überlegen, ob die Anschaffung eines E-Scooters generell Sinn macht. Aber gerade hier greift der Standpunkt des ADAC, der lautet: „E-Scooter […] sind für kurze Strecken eine Alternative zum Auto und eine Option zur Überbrückung der ersten bzw. letzten Meile an ÖPNV-Haltestellen.“ Außerdem kommt in ländlichen Gegenden noch der Fun-Faktor hinzu, denn hier kann man die cross-tauglichen Roller nach Herzenslust genießen. Genügend Feld- und Waldwege sind jedenfalls vorhanden.

Wer in den Metropolen lebt, ist mit einem eigenen E-Scooter ebenfalls besser bedient, denn man hat den Zustand seines Gefährts stets unter Kontrolle und muss sich keine Gedanken über die Verfügbarkeit machen. Auch wenn man den Überblick bei den Leih-Gebühren behält und stets clever mietet, werden sich die Kosten für den Kauf eines Rollers schnell amortisieren. Unlautere AGBs und trickreiche Flatrates verursachen keine Kopfschmerzen und die Auswahl bei E-Scootern zum Verkauf ist mittlerweile so groß, dass sich für jeden Geldbeutel etwas finden lässt.

Video: E-Scooter – welcher Roller passt zu dir?

E-Scooter Kaufberatung 2023
E-Scooter Kaufberatung 2023

Blog: SIP Scootershop empfiehlt: die besten E-Scooter 2023

Dietrich Limper
Dietrich Limper

Dietrich Limper arbeitet als Redakteur für SIP Scootershop, außerdem schreibt er für lokale und überregionale Publikationen. Wenn er nicht gerade Geocachen geht, genießt er die erste Deutsche Meisterschaft von Bayer Leverkusen.

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