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Das erste Motorrad der Welt aus Landsberg am Lech?

Gemaakt door Dietrich Limper om 11:09 op 17 september 2021

Erwähnt man im Gespräch das Städtchen Landsberg am Lech, so kennen die meisten Menschen nur das Gefängnis, in dem so prominente Delinquenten wie Adolf Hitler, Rudolf Heß, Michael Graeter, Karl-Heinz Wildmoser junior und Uli Hoeneß aus den verschiedensten Gründen ihre Haftstrafen absaßen. Dabei hat die Große Kreisstadt wesentlich mehr zu bieten: die historische Altstadt mit dem sehenswerten Rathaus und dem ehemaligen Ursulinenkloster. Die Stadttore, das vierstufige Lechwehr, den Mutterturm und oben auf dem „Berg“ wachen die einstigen Gebäude der Jesuiten über die rund 30.000 Einwohner.

Aber selbst von denen wissen nur wenige, dass in Landsberg das weltweit erste motorisierte Zweirad für die Serienproduktion erfunden wurde. Und wie nannte der Landsberger Tüftler seine Erfindung, die 1894 in München patentiert wurde? Ganz genau: der Begriff „Motorrad“ war geboren! Aus Landsberg heraus begann ein Siegeszug um die ganze Welt, und mit der Gründung des SIP Scootershops schloss sich sozusagen ein Kreis. Um die Geschichte vom genialen Erfinder und dem Motorrad zu erzählen, müssen wir aber erst einmal in unserem Städtchen auf Spurensuche gehen.

Auf Entdeckungstour in Landsberg

Denn nur wer sehr aufmerksam durch die historische Altstadt schlendert und in der Herzog-Ernst-Straße den Blick über die Wände schweifen lässt, wird an der Hausnummer 179B eine kleine Tafel entdecken, die dieses Gebäude als Geburtshaus eines gewissen Alois Wolfmüller ausweist. Der Mann verbrachte die Zeit vom 22. April 1864 bis zum 03. Oktober 1948 auf diesem Planeten und war laut der Inschrift ein Flugpionier. Weitere Informationen bleibt die Tafel schuldig und der geneigte Besucher muss sich bis zur Kolpingstraße durchschlagen, um ein weiteres Geheimnis des Herrn Wolfmüller zu lüften. Hier ist zu lesen, dass eben jener Sohn der Lechstadt das erste Motorrad gebaut habe, das diesen Namen trug.

Die Gelehrten streiten darüber, wem die Ehre gebührt, das erste motorisierte Zweirad an den Start gebracht zu haben. Waren es die Franzosen Pierre Michaux und Louis-Guillaume Perreaux mit ihrem Dampfrad von 1869? Oder doch Gottlieb Daimler, der 1885 ein hölzernes Zweirad mit einem Verbrennungsmotor ausrüstete? Die Frage lässt sich nicht eindeutig klären, aber Tatsache ist, dass Alois Wolfmüller aus Landsberg am Lech, gemeinsam mit den Brüdern Heinrich und Wilhelm Hildebrand, sowie Hans Geisenhof, am 20. Januar 1894 das Patent Nr. 78553 vom Kaiserlichen Patentamt ausgestellt bekam. In diesem Schriftstück wird das Wort „Motorrad“ zum ersten Mal erwähnt. Den Herren um Alois Wolfsmüller gelang es, das erste Motorrad zu Serienreife zu bringen und in ihrer Fabrik in München in größeren Stückzahlen produzieren. Das „Guinness-Buch der Rekorde“ bestätigte diese historische Tatsache viele Jahre später. Damit wäre das geklärt und besiegelt.

Heute lässt der SIP Scootershop die Tradition des Zweirads in Landsberg am Lech erfolgreich fortleben, indem er Vespa und Lambretta Fahrer aus aller Welt mit Ersatzteilen und Zubehör für Motorroller glücklich macht. Wenige Kilometer weiter produziert die 3C-Carbon-Group seit 2017 HOREX-Motorräder serienmäßig und widmet sich der Auferstehung dieser großen deutschen Marke. Landsberg am Lech ist also nicht nur ein Ort, wo wahnsinnige Diktatoren und fußballverrückte Steuerhinterzieher durch vergitterte Fenster schauten, sondern die Stadt, wo Zweiräder das Laufen lernten. Hier entstand das Motorrad „Hildebrand & Wolfmüller“ am Reißbrett. Von Januar 1894 bis Oktober 1895 wurden zwischen 800 und 2000 Stück (die Quellen sind sich unsicher) gebaut. Einige sogar unter Lizenz in Frankreich, mit dem Namen „Pétrolette“. Aber wer war dieser Landsberger Alois Wolfmüller und wie kam er auf die Idee ein Fahrrad mit einem Motor auszurüsten?

Die „Hildebrand & Wolfmüller“ von 1894

Ein gefährlicher Prototyp

Er war vor allen Dingen ein brillanter Schüler, der die Volks- und Realschule in Landsberg mit fliegenden Fahnen meisterte. Laut Wikipedia soll sein Lehrer folgenden Satz zu ihm gesagt haben: „Aus dir wird einmal entweder ein großer Lump oder sonst etwas ganz Großes.“ Nun, wie wir heute wissen, entschied er sich gegen die Laufbahn als Gauner. Stattdessen lernte er in der Werkstatt des Vaters und ging danach als Mechaniker und Drechsler auf Wanderschaft durch Deutschland.

Zu dieser Zeit gründete Heinrich Hildebrand (1855 bis 1928) die Zeitschrift Radfahr-Humor und Radfahr-Chronik. Er entwickelte gemeinsam mit seinem Bruder ein erfolgloses Dampfrad, das allerdings heute im Londoner Science Museum steht. 1892 beauftragte er Alois Wolfmüller damit, ein Fahrrad mit einem Benzinmotor zu entwerfen. 1893 rollte ein erster Prototyp, der heute im Deutschen Museum zu sehen ist, auf den damals noch arg holprigen Straßen. Beim Testlauf gab es Verletzte, ein Mechaniker verlor einen Arm und Wolfmüller musste zurück an die Werkbank. Die nächsten Probefahrten fanden am 18. und 19. Januar 1894 in Bamberg statt, allerdings bewegte sich das Motorrad nur rückwärts. Erst Ende des Monats fuhr Wolfmüllers Freund und Mechaniker Hans Geisenhof 100 Runden an der Landsberger Allee in München. Das Patent bezeichnete das Zweirad mit Petroleum schließlich als „Motorrad“. Am 01. März 1894 ging das „Hildebrand & Wolfmüller“ in München in Produktion.

Es handelte sich um einen wassergekühlten Zweizylinder-Viertaktmotor. Wir zitieren aus den Unterlagen des Deutschen Museums: „Technisch ist das Motorrad von Hildebrand und Wolfmüller intelligent konstruiert und in einigen Details seiner Zeit voraus. Herzstück der Konstruktion ist ein ungefederter Rahmen aus vier horizontalen Stahlrohren. Zwischen diesen ist der Motor aufgehängt. Vom Motor führen vier Rohre zum Lenkkopf. Ein Fortschritt gegenüber den vorangegangenen Zweiradkonstruktionen von Daimler und Michaux bzw. Perreaux ist die Luftbereifung, die einen gewissen Fahrkomfort trotz fehlender Federung gewährleistet. Gebremst wird das 60 kg schwere und annähernd 40 km/h schnelle Motorrad mit einer Klotzbremse am Vorderrad. Hierbei drückt ein Hemmschuh auf die Lauffläche des Reifens. Diese Konstruktion ist extrem reifenverschleißend und zudem wenig wirksam. Der Zweizylinder-Viertaktmotor hat einen Hubraum von 1488 ccm und leistet 2,5 PS bei 240 U/min. Die Zündung erfolgt über eine bereits damals veraltete Glührohrzündung. Der Motor ist wassergekühlt, jedoch wird das Wasser nicht durch eine Pumpe – wie heute üblich – in Umlauf gebracht, sondern verdampft allmählich durch die Motorwärme. Das Wasser für diese Verdampfungskühlung wird in dem als Vorratsbehälter ausgelegten Hinterradschutzblech mitgeführt.“

Aufstieg und Fall

Die junge Firma „Hildebrand und Wolfmüller, Motor-Fahrrad-Fabrik München“ rührt die Werbetrommel für ihr Zweirad und verschickt Prospekte in alle Welt. 850 Arbeiter schaffen in den Fabriken und pro Tag verlassen zwischen acht und zehn Maschinen die Werkshallen. Zu Werbezwecken nimmt Wolfmüller sogar an zwei Rennen teil und er landet 1895 in beim Esperimento di corsa di veicoli automotori in Italien auf dem dritten Platz. Es gab noch vier weitere Teilnehmer, von denen zwei ausfielen. Die Durchschnittgeschwindigkeit lag bei rasanten 15,5 km/h. Das Rennen Paris–Bordeaux–Paris konnte er überhaupt nicht beenden.

Unheil bahnt sich an, denn die Kunden sind mit der lebensgefährlichen Zündung und mangelnden Zuverlässigkeit des Motorrads unzufrieden.  „Als Spielzeug interessant, als Fortbewegungsmittel untauglich“, schrieb ein zeitgenössischer Journalist und läutete das Ende des „Hildebrand & Wolfmüller“ ein. Schadensersatzprozesse und eine zu teure Produktion beenden die Unternehmung der beiden Pioniere. Im Oktober 1895 war Schluss mit der Herstellung und am 02. November desselben Jahres wurde das Konkursverfahren eröffnet. Heute sind rund zehn Maschinen in Museen auf der ganzen Welt zu bestaunen und bei Auktionen erzielen sie Preise von über 100.000 Euro. Es gibt aktuell sogar noch Nachbauten und ein Kleinserie.

Alois Wolfmüller wird als verdrießlicher Zeitgenosse geschildert, der kaum Freunde hatte und am liebsten allein arbeitete. Das tat er von nun an und widmete sich seiner wahren Leidenschaft: der Luftfahrt. Er nahm schriftlichen Kontakt zum damaligen Pionier der Lüfte auf: Otto Lilienthal. Eine fruchtbare Korrespondenz entwickelte sich über viele Jahre. Alois Wolfmüller blieb einsam und arm, seine Konstruktionen und Konzepte aber haben bis heute Bestand. Seine Fluggeräte sind in der Flugwerft Schleißheim und einer Außenstelle des Deutschen Museums zu sehen.

1940 versucht er zum letzten Mal erfolglos ein Patent anzumelden. Er lebt mit einer gewissen Edmunde Schauberger in Oberstdorf – welche Rolle die Dame in seinem Leben spielte, ist nicht überliefert. 1948 stirbt Alois Wolfmüller und hinterlässt neben seinen mannigfaltigen Ideen und Entwürfen keinerlei weltliche Güter. Der Mann, der das Motorrad zur Serienreife brachte, konnte davon materiell nicht profitieren.

Wolfmüllers Erben

Bei SIP Scootershop denken wir gelegentlich an diesen Zweirad-Pionier und schätzen uns glücklich, dass wir, quasi als seine Erben, in Landsberg am Lech erfolgreich sein können. Denn was ist eine Vespa anderes als die italienische Version eines Traums, der im Kopf und in der Werkstatt von Alois Wolfmüller entstand und in Münchener Fabrikhallen für ein paar Monate Wirklichkeit wurde?

Und dieser Traum lebt fort: Heute ist die „Geburtsstadt des Motorrads“ Landsberg am Lech für viele Vespa Fahrer und Enthusiasten der Nabel der Welt. Wir bekommen bei SIP Scootershop Besuch aus buchstäblich aller Herren Länder und haben durch die Vespas Kontakte von Argentinien bis Taiwan geknüpft. Und selbst der missmutige Alois Wolfmüller hätte sicherlich mit leuchtenden Augen zugeschaut, wenn beim SIP Open Day und Joyride bis zu 2.000 positiv Zweiradverrückte zusammen fahren, feiern und fachsimpeln. Seine Erfindungen und Genialität sind die Basis für das gesamte Geschäftsfeld von SIP Scootershop und seinen über hundert Mitarbeitern. Was einst in der Salzgasse 136 als Projekt eines verschrobenen Tüftlers entstand, zieht mehr als 120 Jahre später Rollerfahrer nach Landsberg am Lech. Alois Wolfmüller mag als armer Mann gestorben sein, aber er hat die Welt für Motorrad- und Rollerfahrer reicher gemacht.

Dietrich Limper
Dietrich Limper

Dietrich Limper arbeitet als Redakteur für SIP Scootershop, außerdem schreibt er für lokale und überregionale Publikationen. Wenn er nicht gerade Geocachen geht, erträgt er stoisch die betrüblichen Eskapaden von Bayer Leverkusen.