Mit dem Roller durch Deutschland im Jahr 1965

Erstellt von Dietrich Limper um 16:12 Uhr am 15. Dezember 2021

Unser Freund Paul Hart vom „Veteran Vespa Club“ hat uns eine Story geschickt, die so schön und nostalgisch ist, dass wir sie mit euch teilen müssen. Im Jahr 1965 unternahm der Schwede Erik Anestad mit zwei Freunden auf einer Vespa und einer Lambretta eine Tour durch Deutschland.

Paul schreibt: „Als ich zu viel Zeit auf Flickr verbrachte, um mir Fotos von alten Motorrollern anzusehen, stieß ich auf dieses hervorragende Album, das Erik Anestad während seiner Reise von zu Hause in Schweden nach Deutschland und wieder zurück aufgenommen hatte. Im Folgenden findet ihr die deutsche Übersetzung eines Briefes, den er während der Reise an seine Eltern schickte. Vielen Dank an Erik Anestad, dass er mir erlaubt hat, diese Geschichte und Fotos zu veröffentlichen!“

Einleitung

Text und Fotos von Erik Anestad

Ich hatte für den Sommer 1965 einen Praktikumsplatz bei einer Schiffsspedition in Hamburg bekommen. Außerdem hatte ich ein Stipendium des Swedish Board of Trade erhalten, um das Ganze zu finanzieren. Mein bester Freund vom Hedemora-Gymnasium, Per Forsling, hatte zur gleichen Zeit ein Praktikum bei einem Forstunternehmen in Österreich bekommen. Wir beschlossen, gemeinsam auf unseren Rollern durch Deutschland zu fahren. Unser bester Freund, Ingemar Melin, wollte mitkommen, also fuhren wir zu dritt auf unseren beiden Rollern. Anfang Juni starteten wir gemeinsam von Norberg aus. Nach einer Weile trennten sich unsere Wege, und schrieb ich den folgenden Brief an Mama und Papa. Gärd und ich räumten Mutters Haus auf, als sie ins Altersheim zog, und wir fanden diesen Brief im Schreibtisch, wo sie ihn all die Jahre aufbewahrt hatte.

Der Brief lautete so:

Deutschland 1965: Regen, Regen, Regen ...

Freitagabend, vor Göttingen, 11. Juni 1965

„Man sagt, wenn jemand eine Reise tut, dann kann er Geschichten erzählen, und da es nun schon ein paar Tage her ist, dass ich abgereist bin, gibt es viel zu erzählen. Ich befinde mich etwa 20 Kilometer vor Göttingen, auf dem Weg nach Goslar. Das Lokal, in dem ich sitze, ist eine alte, verkommene Dorfkneipe, und um mich herum sitzen die alten Männer des Dorfes, spielen Karten und trinken Bier. Außerdem sprechen sie eine unverständliche Sprache, aber ich erzähle mal besser von Anfang an.

Auf dem Weg zu Olle (meinem Bruder) lief alles gut, aber natürlich war ich wie immer schusselig, und als wir in Fagersta den Reifencheck durchführten, blieb meine Kameratasche mit meinen Reiseschecks dort stehen. Als wir nach Stjärnvik kamen, merkte ich das und rief sofort in Fagersta an. Klar, die Tasche und die Schecks waren noch da, aber ich musste nun umdrehen und sie abholen. Dann habe ich die Schecks woanders verstaut, damit ich sie immer bei mir habe. Abends servierte Olle Fleischfondue und wir hatten eine schöne Zeit. Am Dienstag starteten wir um 8.30 Uhr und alles lief gut, bis wir in Ljungby ankamen, wo etwas passierte: Wir sahen einen Toten im Straßengraben, aber wir konnten nichts tun, also verständigten wir die Polizei und setzten die Fahrt fort. Kurz darauf fing Pers Roller an, großen Krach zu machen. Dann blieb er stehen, und wir auch. Zuerst dachten wir, es sei etwas mit dem Kolben passiert, aber wir fanden bald heraus, dass es der Lüfterkranz war, der an der Schutzabdeckung schabte. Nach langem Hin und Her bekamen wir die Abdeckung ab und konnten sie ausklopfen, so dass Lüfterkranz die Abdeckung nicht berührte. Aber warum der Lüfterkranz plötzlich die Abdeckung berührte, konnte keiner von uns verstehen.

Als wir an Markaryd vorbeikamen, stellten wir fest, dass es höchste Zeit war, Lebensmittel für den Abend zu kaufen, und deshalb fuhren wir wie eine Fledermaus aus der Hölle nach Höör, wo wir kurz vor 18 Uhr ankamen. Wir fanden dann heraus, dass der Laden seit 17.30 Uhr geschlossen hatte, aber es waren noch Leute im Laden, so dass wir etwas zu essen kaufen konnten. Die Wohnung von Eje und Kaj [meinen Cousins] in Trelleborg zu finden, war mit Hilfe der Karte nicht schwierig, und dort machte ich mir ein Omelett und Fleischbällchen mit frischen Kartoffeln.

Die Fahrt mit der Fähre nach Travemünde verlief gut, aber als wir am Morgen losfuhren, war mein Hinterreifen platt. Also habe ich den Reifen in Travemünde gewechselt. Als wir in Richtung Goslar fahren wollten, hatte es angefangen zu regnen und wir waren ziemlich spät dran, also fuhren wir auf die Autobahn in Richtung Göttingen. Durch die Fahrt auf der Autobahn haben wir viel Zeit gespart. Etwa 20 bis 30 Meilen südlich von Goslar auf unserem Weg nach Fulda fanden wir ein Gasthaus. Als wir dort saßen und aßen, kam ein betrunkener alter Mann auf uns zu, setzte sich und fing an, unverständlich zu reden, aber je mehr wir uns mit ihm unterhielten, desto deutlicher sprach er und dann konnte man verstehen, was er sagte. Im Laufe des Abends wurde so klar, dass er 16 Jahre lang, von 1929 bis 1945, Soldat und in einem Kriegsgefangenenlager in Russland gewesen war, aber wovon er jetzt lebte, haben wir nie verstanden. Er kaufte uns Biere und dann einen Kirschlikör (oder Schnaps), was wir erst am nächsten Morgen verstanden, als wir die Rechnung bezahlten. Wir ließen ihm Geld für zwei Biere da und hofften, dass er sie am nächsten Abend bekommen würde. An diesem Tag war die Fahrt für unsere Hintern schmerzhaft, aber wir fuhren nach Rothenburg, wo wir uns die Stadt ansahen. (Ich vergaß zu erwähnen, dass es auf der Autobahn so stark zu regnen begann, dass wir unter einer Brücke anhielten, wo wir etwa eine halbe Stunde lang saßen, während der es auf der anderen Seite offenbar einen Unfall gegeben hatte. Polizei-, Abschlepp- und ein Krankenwagen kamen angefahren. Als wir losfuhren, sahen wir einen Lastwagen, der auf dem Dach und in der falschen Richtung lag, und darunter ein kleines, ehemaliges Auto. Wir haben uns dann etwa anderthalb Stunden lang Rothenburg angeschaut und sind dann weiter Richtung Nürnberg gefahren.

Picknick am Wegesrand

Als wir in Ausbach tankten, sagte man uns, dass es drei Tage lang geregnet hatte und die Straßen nach Österreich überschwemmt waren. Als wir erzählten, dass wir in letzter Zeit keinen einzigen Tropfen Regen abbekommen hatten, glaubten sie uns nicht. Als wir etwa zehn Minuten gefahren waren, fing es an zu regnen wie verrückt. Wir wollten dann an einer Aral-Tankstelle anhalten, aber bevor ich konnte, blieb meine Vespa stehen. Sie sprang nicht mehr an, und ich befürchtete, dass die Zündspule feucht geworden war. Ich bekam zwar immerhin einen Funken an der Kerze, aber sie sprang nicht mehr an. Wir haben dann an der Tankstelle gefragt, wo wir übernachten können, und man hat uns gesagt, wo wir hinmüssen. Während ich meine Sachen auspackte, riefen sie in einem Gasthaus an und fragten, ob es noch einen Platz für uns gäbe, was der Fall war. Dann fuhr einer der Jungs mich, während Per und Ingemar uns auf Pelles Roller folgten, der auch nicht mehr fahren wollte. Aber es ging den ganzen Weg bergab, so dass es kein Problem war, zum Gasthaus zu gelangen. Sehr nass und dankbar konnten wir uns in einem sehr sauberen, ordentlichen und netten Gasthaus einrichten, wo wir am Abend aßen und Bier tranken und sehr satt wurden. Hier in Süddeutschland ist das Bier schmackhafter und wird in größeren Gläsern serviert als in Norddeutschland, aber da Bier war auch sehr gut und billig, zumindest denke ich, wenn es eine Deutsche Mark für 0,25 L kostet.

Heute Morgen sprangen beide Motorroller sehr schön und brav an, was gestern an der zu hohen Luftfeuchtigkeit gescheitert war. Der Hydrometer zeigte über 100 % an, aber wir waren sowieso auf dem Trockenen. Wir trennten uns in Heilsbronn. Per und Ingemar fuhren weiter Richtung Österreich, während ich zurück nach Hamburg fuhr. Von Würzburg aus nahm ich eine wunderschöne Straße in Richtung Vogelsberg, hohe Berge und tiefe Täler. Dann ging es weiter in Richtung Kassel, aber ich fand eine Auffahrt zur Autobahn und nahm sie bis Hannover, um etwas Zeit zu gewinnen. Mit einem undichten Reifen und einer Reifenpanne am Ersatzrad ging es fröhlich weiter. Ich fand eine Firma, die Rollerteile verkaufte, aber sie hatten keinen passenden Schlauch, verwiesen mich aber an die größte Reifenfirma in Göttingen. Die hatten aber auch keinen Schlauch, sondern schickten mich zu einer Firma, die auf dem Weg nach Hannover lag. Also fuhr ich in Richtung Kassel, entdeckte aber meinen Irrtum und schlängelte mich stattdessen durch die ganze Stadt zurück in Richtung Hannover, wo ich schließlich eine Firma fand, die für den Tag geschlossen hatte. Ein Mitarbeiter war aber noch da und konnte mir helfen, und so bekam ich einen neuen Schlauch. Dumm wie ich bin, habe ich den Schlauch nicht gleich gewechselt, sondern weiter versucht, auf dem Weg nach Goslar ein Gasthaus zu finden, denn die Luft im Reifen entwich nicht so schnell. Die einzige Antwort, die ich überall bekam, war „alles besetzt“, und am Ende war keine Luft mehr im Reifen und keine Tankstelle in der Nähe. Ich wechselte den Schlauch und musste zur nächsten Tankstelle trampen, um den Reifen aufzupumpen und dann zurück, aber es ging gut. Die Suche nach einem Zimmer für die Nacht war um acht Uhr nicht einfach, aber ich habe schließlich eines gefunden. Hauptsache war, dass ich ein Dach über dem Kopf hatte. Während ich dies schreibe, habe ich zu Abend gegessen, wie immer drei Gläser Bier getrunken und festgestellt, dass die Qualität eines Zimmers und des Essens unterschiedlich sein kann. Es ist überraschend schwierig, die Zimmer von außen zu beurteilen und manchmal muss man nehmen, was man bekommt.

Morgen fahre ich nach Goslar und dann nach Hamburg, was gut gehen sollte, wenn es keine Probleme mit der Vespa gibt. Sie ist, abgesehen von den oben erwähnten Problemen, die nichts mit der Mechanik zu tun hatten, perfekt gelaufen. Ich habe jetzt über 1.100 Meilen zurückgelegt und mein Hintern ist ziemlich wund, so dass ich mehr Pausen mache und ich immer fester schlafe. Ich verstehe, wenn ihr große Schwierigkeiten habt, meinen Brief zu verstehen, aber auf diese Weise habt ihr länger was davon. Aber er war ohnehin sehr lang [sieben handgeschriebene Seiten], und jetzt wisst ihr mehr darüber, was während meiner Reise passiert ist.

Könntet ihr mir bitte eine Kopie meiner Zeugnisse schicken, damit ich mir sie anschauen kann. Es ist jetzt nach 10 Uhr und es ist Zeit, ins Bett zu gehen.

Grüße von Erik.“

Deutscher Wachtmeister 1965

Post-Skriptum

Per und ich hatten vereinbart, uns nach Beendigung unserer Praktika in Friedrichshafen am Bodensee zu treffen. Am Abend vor meiner Abreise aus Hamburg gingen meine Kollegen in der Firma mit mir in einen Vergnügungspark, wo ich den Schlüssel für den Motorroller verlor. Das habe ich erst am nächsten Morgen bemerkt. Nach erheblichen Problemen fand ich schließlich einen Schlüsseldienst, der das Schloss aufbohren konnte und ich konnte mich auf den Weg machen. Nach einer „wilden“ Fahrt in den Süden trafen Per und ich uns am richtigen Ort zur richtigen Zeit. Wir fuhren dann weiter in den Norden nach Kiel, wo wir zusammen mit unseren Rollern ein Schiff bestiegen, das uns nach Västerås am Mälarsee brachte. Von diesem Teil gibt es keinen Brief, aber eine Begebenheit ist mir noch in Erinnerung:

Wir nahmen in Deutschland meist kleinere Straßen, um dem schnellen Verkehr auf der Autobahn zu entgehen, und an einer Stelle fuhren wir mit voller Geschwindigkeit (70-75 km/h) durch ein kleines Dorf und wurden von einem Polizisten wegen zu schnellen Fahrens angehalten. Wir sagten ihm, dass wir keine Geschwindigkeitsschilder gesehen hätten, und er erklärte uns, wie die Beschilderung funktioniert. Am Ende verhängte er ein Bußgeld von 3,50 DM für „Geschwindigkeitsübertretung“. Ich hatte den Bußgeldbescheid lange Zeit aufbewahrt, aber er ist mittlerweile verschwunden. Traurig.

Bildergalerie von Erik Anestad

Trip to Germany 1965
Dietrich Limper
Dietrich Limper

Dietrich Limper arbeitet als Redakteur für SIP Scootershop, außerdem schreibt er für lokale und überregionale Publikationen. Wenn er nicht gerade Geocachen geht, erträgt er stoisch die betrüblichen Eskapaden von Bayer Leverkusen.