75 Jahre Vespa 1946-2021

Erstellt von Dietrich Limper um 12:12 Uhr am 28. Dezember 2021

In diesem Jahr wurde die Vespa 75 Jahre alt und das Jubiläum wurde an vielen Orten und mit einigen Aktionen ausgiebig gefeiert. Piaggio selbst brachte die Sondermodelle der Vespa Primavera und Vespa GTS als limitierte Editionen auf den Markt. Auch bei uns im Shop gibt es einige Produkte, die extra für diesen Anlass hergestellt wurden. Vom Jethelm über ein schickes Blechschild bis hin zum Schlüsselanhänger – das Angebot ist vielfältig.

Wir möchten zum Jahresende noch einmal auf die Anfänge dieses italienischen Traums blicken. Wie ist die erste Vespa entstanden? Wie hat sich der Mythos entwickelt? Was hat zum weltweiten Erfolg dieses Zweirads beigetragen? Dafür haben wir ein paar echt alte Fotos und Werbeanzeigen aus dem Jahr 1946 aufgespürt, die dokumentieren, wie die Geschichte damals begann.

Doch zunächst schauen wir einmal auf das nüchterne Datenblatt mit Zahlen und Fakten:

Piaggio Vespa

Name des ersten Prototyps: „MP5“ („Moto Piaggio 5“, 1944)
Spitzname des ersten Prototyps: „Paperino“
Name des zweiten Prototyps: „MP6“ („Moto Piaggio 6“, 1945)
Erste Modellbezeichnung: „Vespa 98“ (1946)
Kategorie: Motorräder
Unterkategorie: Motorroller
Konstrukteure des Prototyps: Renzo Spolti, Vittorio Casini
Erster Modelldesigner: Corradino D'Ascanio
Produzent: Piaggio & Co. S.p.A. (gegründet von Rinaldo Piaggio am 24. Januar 1884)
Prototyp hergestellt in: 1944 - Biella, Piemont, Italien
Beginn der Produktion: 23. April 1946 - Pontedera (Pisa), Toskana, Italien
Preis: 55.000 ITL
Slogan (1950): „Vespizzatevi!“ („Fahre Vespa!“)
Eigentum: Piaggio & Co. S.p.A.

Merkmale des Prototyps: Die Inspiration für das Design der Vespa geht auf die vor dem Zweiten Weltkrieg in Nebraska, USA, hergestellten Cushman-Roller zurück. Diese olivgrünen Motorroller wurden in Italien in großer Zahl gebaut und ursprünglich von Washington als Transportmittel für die Fallschirmjäger und Marines bestellt. Ein Motorrad mit einer Karosserie, die den Antriebsstrang vollständig umschließt und vorne einen hohen Spritzschutz bildet.
Der Prototyp der MP5 „Paperino“ verfügte neben der Karosserie über am Lenker montierte Bedienelemente, eine Zwangskühlung, Räder mit geringem Durchmesser und einen hohen Mittelteil, der überspannt werden musste. Ein Einzylinder-Zweitakt-Motor. Motorgröße: 98 cm³. Stufenloses Variatorgetriebe. Kettenantrieb. Räder: 4.00-10".
Der Prototyp der MP6 wurde im September 1945 Enrico Piaggio vorgestellt, der daraufhin ausrief: „Sie sieht aus wie eine Wespe [Vespa]!“. Das Fehlen des Motorlüfters, der Bremshebel auf der linken statt auf der rechten Seite, die Hupe unter dem Sattel, die Aluminiumleisten des Trittbretts und das Flugzeugsymbol auf dem Frontschild sind die wichtigsten Unterschiede zwischen der MP6 und den späteren Vespa-Versionen.

Erste Modellmerkmale: Die „motoleggera utilitaria“ Vespa, der leichte motorisierte Flitzer. Auf dem Beinschild befindet sich das neue Piaggio-Logo, das das frühere Luftfahrt-Emblem ersetzt. 2-Takt-Einzylinder-Motor. Horizontaler Zylinder aus Gusseisen mit eingepresstem Leichtmetallkopf. Bohrung: 50 mm. Hub: 50 mm. Hubraum: 98 cm³. Höchstgeschwindigkeit: 60 km/h. Federung: elastisch, mit Spiralstahlfedern am Vorderrad und Gummipuffern für Hinterrad und Motor. Bremsen: Expansionsbremse. Handbremse auf der rechten Seite des Lenkers für das Vorderrad und Pedal auf der rechten Seite des Bodens für das Hinterrad. Räder: 3,50-8".

Interessante Fakten: Die ersten 13 Exemplare erschienen im Frühjahr 1946; nach der öffentlichen Vorstellung auf der Mailänder Messe verkauften sich die ersten fünfzig Exemplare nur langsam. Mit der Einführung der Ratenzahlung kam der Absatz in Schwung.

19 Millionen Geschichten mit der Vespa

Piaggio vermeldet, dass seit 1946 über 19 Millionen Vespen produziert wurden, davon allein knapp zwei Millionen in den letzten zehn Jahren. Das sind 19 Millionen Geschichten von Menschen, die, egal ob Mann oder Frau, jung oder alt, arm oder reich, ein ganz besonderes Fahrgefühl erleben konnten. „La Dolce Vita“ auf zwei Rädern.

Der Designer Corradino D'Ascanio erinnerte sich im Jahr 1949 an seine Herangehensweise: „Ich dachte, die Vespa sei für Leute wie mich gedacht, die noch nie auf einem Motorrad gesessen hatten und die den unpraktischen Umgang mit dem Gerät scheuten. […] Der wichtigste Punkt war, das Fahrzeug kommod ausfallen zu lassen, wie man es beim Damenfahrrad gemacht hatte. Also ging ich im Grunde vom Konzept des Damenfahrrades aus. Eine vernünftige und bequeme Sitzposition schien mir äußerst wichtig zu sein. Dann ging es darum, die Handlichkeit des Fahrzeuges so gut wie möglich zu gestalten. Man musste im Auge behalten, dass die Vespa vor allem im Stadtverkehr unterwegs sein würde. Die Hände mussten beim Fahren immer am Lenker bleiben. Wie ließ sich das bewerkstelligen? Ganz einfach, indem man die Gangschaltung in den Handgriff integrierte. Weiters mussten Hände und Hosen sauber bleiben, was beim Motorrad nicht der Fall war und zu dessen größten Nachteilen zählt. Kurz, ich versuchte, ein möglichst einfaches Vehikel zu konstruieren. Eine meiner Maximen stammt vom alten Henry Ford: ‚Was nicht da ist, kann auch nicht kaputtgehen!‘“
(Quelle: Vespa – die offizielle Chronik)

Am 23. April 1946 meldete Piaggio das Patent in Florenz an. Die ersten Reaktionen waren nach der offiziellen Vorstellung unterschiedlich. Große Begeisterung machte sich zunächst nicht breit, aber Enrico Piaggio ließ dennoch 2.000 Stück produzieren und rührte die Werbetrommel.

Mit Unterstützung des Vertriebsnetzes von Lancia konnte Piaggio die Produktion kontinuierlich steigen. Waren es 1946 noch 2.484 Roller, wurden daraus im Folgejahr 10.535 und im Jahr 1948 verließen 19.822 Stück die Werkshallen. Die Zahlen stiegen rapide an und 1953 produzierte Piaggio, gemeinsam mit dem deutschen Lizenznehmer Hoffmann, 171.200 Vespas. Der Erfolg war nicht mehr aufzuhalten und Enrico Piaggio hatte Italien und viele andere Teile Europas nach dem Krieg wieder mobil gemacht.

Vespa Start: Ratenzahlung, Service und Marketing

Die Geldbeutel der Italiener waren in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg nicht gerade prall gefüllt. Wie sollte man die Menschen dazu bringen, 55.000 Lire für ein Zweirad auszugeben, von dessen Qualitäten man nur gehört hatte? Enrico Piaggio hatte eine revolutionäre Idee: Er führte die Ratenzahlung ein. Der gesamte Kaufpreis musste nicht direkt gestemmt, sondern konnte über die kommenden Monate „abgestottert“ werden. Ein überzeugendes Argument für Menschen mit einem schmalen Budget. Aber das war nicht alles. Es gab eine einjährige Garantie, kostenlose Pannenhilfe, Diebstahlversicherung und Zulassung. Ein Paket, das auch noch den letzten Zweifler überzeugte.

Dazu kamen Vespa-Kalender auf den Markt, die schon bald in vielen Wohnungen hingen. Die aktuellen Stars aus Musik und Film dienten als Testimonials. Sie vermittelten Vertrauen in das Produkt und spiegelten den Zeitgeist wider. Oder man setzte auf leicht bekleidete Damen, die sich strahlend auf einer Vespa präsentierten. Die Werbekampagnen trugen erheblich zum Kultstatus des neuen Fortbewegungsmittels bei. Es ging um die Verkörperung eines neuen und leichten Lebensgefühls, für das die Menschen nach den Schrecken der Kriegsjahre ausgesprochen empfänglich waren. La Dolce Vita, Aufbruchsstimmung und unbeschwertes Vergnügen.

Gedruckte Zeitungen waren damals das wichtigste Medium und Enrico Piaggio nutzte diesen Umstand zu seinen Gunsten aus. Am 10. April 1946 schrieb das einflussreiche Blatt „Motocicilismo“: „Die praktische Erprobung ergab mehr als zufriedenstellende Ergebnisse. Sowohl Handlichkeit als auch Straßenlage sind ausgezeichnet, auch auf losem Untergrund und schmutzigem Terrain. Die Federung sorgt für sehr guten Komfort. Die vordere Spritzwand, die bislang noch nicht über derlei verfügt, könnte mit Haken und Ösen versehen werden, an denen sich ein Beutel für die Börse und andere Dinge befestigen ließe, von denen man beim Motorrad nie weiß, wo man sie unterbringen soll. Insgesamt gewinnt man den Eindruck, dass die Vespa freundlich aufgenommen und sehr erfolgreich werden müsste, auch angesichts des Verkaufspreises, der zwar im Verhältnis zum geringen Gewicht des Vehikels recht hoch erscheint, im Umfeld der aktuellen Preise auf unserem Markt aber als günstig und als konkurrenzfähig auf den ausländischen Märkten eingestuft werden muss.“

Die Vespa Clubs

Das Gefühl von Exklusivität und Zugehörigkeit wurde durch das Aufkommen der Vespa Clubs noch verstärkt. 1952 wurde der Vespa Club Deutschland gegründet, in der Schweiz war man schon ein Jahr früher am Start. Federführend in Deutschland war ein gewisser Herr Jakob Oswald Hoffmann. Nicht ohne gewissen Eigennutz, denn die Hoffmann-Werke Lintorf durften seit 1950 Vespas unter Lizenz herstellen. Hoffmann brachte die Vertreter der regionalen Clubs an einen Tisch und man gründete die Dachorganisation. Präsident wurde Ernst-August Prinz zur Lippe. Vizepräsident war der Rennfahrer Fritz Huschke von Hanstein. Und so vornehm wie diese Namen klingen, ging es auch auf den damaligen Treffen zu: obligatorisch waren Anzug und Krawatte für den Herrn, Abendkleid für die Dame. Es ging also nicht nur um die direkte Kundenbindung durch die Mitgliedschaft in einem Club, sondern auch um das Gefühl Teil von etwas Besonderem zu sein.

Schaut man heute bei den Veranstaltungen und Rallys der Clubs vorbei, sehen die Menschen ein wenig anders aus. Aber gerade aus England hört man Geschichten, dass die Kleidung immer noch gewissen Regeln und Normen folgen sollte. Die Garderobe hat sich geändert, die Einstellung bei manchen Clubs aber nicht.

Tatsache war, dass die Clubs für Umsatz bei Hoffmann und Piaggio sorgten. Der Mythos Vespa wuchs kontinuierlich und fand weltweit Fans und Kunden.

SIP Scootershop und Vespa

Für uns bei SIP Scootershop sind 75 Jahre VESPA ein wahrer Grund zum Feiern und gleichzeitig auch Verpflichtung. Wir alle hier fühlen uns dem Mythos Vespa verbunden, unser Herz schlägt ganz besonders für die alten Motorroller und ihre vielen liebevollen Details. Wir möchten euch immer alle wichtigen Ersatzteile und natürlich auch Zubehör in bester Qualität anbieten können, damit eure Schätzchen fahrbereit bleiben. Was gibt es schöneres, als auf einer Vespa eine kurvenreiche Straße entlang zu brausen und den Wind der Freiheit im Gesicht zu spüren? Wir wünschen Euch für die Rollersaison 2022 ganz viele solche Glücksmomente mit und auf unserem Jubilar!

Wer sich noch näher mit der Vespa und den verschiedenen Modellen befassen möchte, dem empfehlen wir unsere Blogs und Videos zur Modellkunde:

Video: The Making of Vespa 75th

Dietrich Limper
Dietrich Limper

Dietrich Limper arbeitet als Redakteur für SIP Scootershop, außerdem schreibt er für lokale und überregionale Publikationen. Wenn er nicht gerade Geocachen geht, erträgt er stoisch die betrüblichen Eskapaden von Bayer Leverkusen.