16673 Gäste, 681 Mitglieder online.

Klassik Szene-Blog

  zurück zur Blogs Übersicht
 

Giro Vespistico 2012 - Vespa Langstreckenrally durch die Alpen


 

Vom Giro Vespistico, bei dem auch unser Mitarbeiter Olli dabei war, erreichte uns dieser lesenswerte Bericht, den wir Euch nicht vorenthalten wollen. Viel Spass beim Lesen:

 

"Endlich war es soweit! Nachdem jeden Mittwoch eine Infomail eingegangen war – insgesamt 52 Stück mit allem rund um den GIRO VESPISTICO, sollte es am 9. September 2012 losgehen!

 

Unter Initiative des VC Pinzgau, allen voran dem sympathischen Präsidenten Franz F. Schmalzl mitsamt seinem eingeschworenen Team und seiner wunderbaren Tochter Madlen, sollte es eine gemeinsame Reise voller Erlebnisse werden, um die Verschmelzung von Fahrer, Vespa und Landschaft in Form einer 5-tägigen Alpenrally nach historischen Vorbildern.

Und er hatte nicht zuviel versprochen! 

 

 

Während ich in den zwei davor liegenden Wochen immer wieder meine Hoffmann HC „Polizeikönigin“ von 1954 Probe gefahren war, ihr einen neuen Satz Reifen mitsamt einem im Beinschild stehenden Reserverad spendiert hatte, Matthias Hochberger mir zusammen mit seinem Freund Matze Schäfer noch eine verstärkte Kupplung einbauten und frisches Öl aufgefüllt war, wurde die Vespa am Samstag vor meiner Abreise nach Österreich gemeinsam verladen; dabei spendierte Matthias mir noch eine Werkzeugtasche, auf die er den GIRO-Team-Deutschland-Aufnäher plaziert hatte und mir wurde – standesgemäß für die Polizei-Vespa – noch eine Polizeikelle mit den Unterschriften aller Vespafreunden aus der Gegend überreicht. Ich habe mich riesig darüber gefreut, wusste ich doch, wie schwer es dem Einen oder Anderen fiel, nicht an der Rallye teilnehmen zu können, und die Kelle wurde noch am Roller befestigt.

 

Am Sonntag Morgen konnte ich es nicht mehr lange zu Hause aushalten und saß schon früh im Auto auf der Fahrt nach Zell am See, wo schon 2009 die Vespa-World-Days und jedes Jahr die Vespa-Alp-Days stattgefunden haben – die „heimliche Vespa-Hauptstadt Österreichs“. Nach etwa 6 ½ Stunden erreichte ich mein Ziel und überquerte die Stadtgrenzen, begrüßt von einem riesigen GIRO-Banner.

 

Im Stadtzentrum gab es einen Empfangsbereich, an dem sich alle Teilnehmer treffen sollten, wo die Ausgabe der notwendigen Unterlagen vorbereitet worden war und jeder Roller vor der endgültigen Freigabe zur Teilnahme einer technischen Prüfung unterworfen werden sollte. Als ich um die Ecke bog, empfing mich eine johlende und jubelnde Menge von Teilnehmern, es standen schon jede Menge Vespas aller Jahrgänge auf den Seitenbereichen und es herrschte allgemeine Aufregung. 

 

Ich lud meine Königin ab, stellte sie zu den anderen Rollern und fuhr zunächst mein Auto auf einen extra für die angereisten GIRO-Teilnehmer reservierten öffentlichen Parkplatzbereich in der unmittelbaren Nähe.

 

Wieder am vereinbarten Treffpunkt angekommen, konnte ich schon einige bekannte Gesichter begrüßen; allen voran Andreas Sprengel mit seiner 125er Motovespa SL von 1974 und Robin Davy auf seiner Vespa SS90 von 1966, Jürgen Weber mit seiner tollen VN 125 von 1956 oder Michele Censore mit seiner Maitz-GS/3 von 1959 und „Scooterpezzi“ Leonardo Macaluso mit seiner Rally 180 von 1968 und einige andere. Alle mit tollen Maschinen aus verschiedenen Jahren, die vom Veranstalter in 

 

5 Kategorien eingeteilt worden waren:

- Le Fenomenale 1946 – 1954

- Le Storice 1955 – 1964

- Le Sportive 1965 – 1976

- Le Nuove 1977 – 1995

- Le Moderne 1996 – 2012

 

Die Anmeldung ging in mehreren Stufen vor sich. Erst wurde ich auf’s herzlichste von Franz und seinem Team begrüßt; es folgten einige Formalitäten und dann wurden einem die verschiedensten Dinge ausgehändigt.

 

Dabei handelte es sich natürlich um das Beinschildbanner mit der Teilnehmernummer – ich hatte die Startnummer 8 bekommen – sowie um verschiedene Reiseutensilien, Anstecker, Aufkleber und Ähnliches – aber insbesondere um die langersehnte GIRO-Jacke, eigens für diese Veranstaltung und für jeden Teilnehmer individuell angefertigt; mit der eigenen Startnummer auf dem Oberarm, Protektoren an Ellbogen, Schultern und für die Wirbelsäule, aus schwerem schwarzen Leder gemacht und mit hellen Rallyestreifen versehen; im Innern eine kleine „Hundemarke“ eingenäht, in die mein Name eingraviert worden war! Alle 77 Teilnehmer dieses GIRO sollten diese Jacke tragen, und es wurde im Verlauf der Reise weitestgehend davon Gebrauch gemacht.

 

Nach der technischen Abnahme durch 2 extra rekrutierte Mechaniker, deren Namen ich leider vergessen habe, und dem Nachweis der Mitführung eines Verbandskästchens und einem genormten Helm, machte ich mich daran, erste Kontakte zu knüpfen und mir die bereits anwesenden Roller anzuschauen. Dabei interessierten mich natürlich die Modelle meiner Kategorie, die „Le Fenomenale“, besonders; sollten die doch für mich in den kommenden Tagen meine Konkurrenz beim GIRO darstellen. Dabei eine V31 von 1951, eine V32 von 1952, eine VM von 1954, die VM1 von 1953 von Pasquale del Sorbo, der für das Schweizer Team angetreten war und auf den ich später noch einmal zurückkommen werde. Das älteste Modell war eine V14 von 1950 aus Österreich.

 

Die beiden Mechaniker übrigens wurden für die gesamte Dauer des GIRO bereitgestellt, morgens vor den jeweiligen Starts noch für kleinere Reparatur- und Einstellungsarbeiten Hilfe zu leisten und abends nach Ankunft auch mal bei Bedarf eine umfangreichere Reparaturarbeit zu erledigen; tagsüber waren sie damit beschäftigt, in ihrem „Besenwagen“ liegengebliebenen Vespas Hilfestellung zu geben oder – sollte nichts mehr gehen – diese zu verladen und mitzunehmen. 

Dabei wurde den GIRORISTI, so durften wir uns ab sofort nennen, bei technischen Defekten auf der Strecke angeboten, die Vespa zu verladen (damit fiel man allerdings aus der Wertung heraus), oder sich innerhalb von 5 Minuten zu entscheiden, ob man das Risiko eingehen wollte, sich doch noch selbst zu helfen und irgendwie selbstständig später das Ziel zu erreichen – oftmals keine leichte Entscheidung!

 

Am späteren Nachmittag wurde dann das Hotel in Zell am See bezogen; auch in den kommenden Tagen handelte es sich dabei immer wieder um sehr souverän ausgesuchte Häuser in den Zielorten mit sehr gutem bis bestem Komfort; in Zell am See wurden die GIRORISTI in 2 Herbergen untergebracht. Bereits am frühen Abend war der Parkplatz vor dem Hotel vollgestellt mit den teilnehmenden Vespas; inzwischen waren alle Teilnehmer, davon auch 4 Frauen, eingetroffen.

Am Abend gab es ein glamouröses Essen und die Begrüßung durch Franz F. Schmalzl, der sein Team vorstellte und den Bürgermeister der Stadt Zell am See, der es sich nicht nehmen wollte, die erste Etappe am kommenden Morgen mitzufahren.

 

Jeder Fahrer bekam ein Roadbook ausgehändigt, das er mit seiner Startnummer und seinem Namen versehen musste. Auf dieser Seite befand sich in groben Auszügen eine Karte, auf denen die Fahrstrecke des kommenden Tages eingezeichnet war. Aus der Beschreibung konnte man entnehmen, wann man die eigene Startzeit hatte, denn nun wurde das Reglement erklärt. Zunächst würden die ältesten Fahrzeuge an den Start gehen, im sekundengenauen Abstand mit einer professionellen Zeitmessung im Minutentakt startend, mit der niedrigsten Startnummer beginnend. 

 

Der erste Start würde um genau 9 Uhr am folgenden Tag auf dem Marktplatz in Zell am See erfolgen und durch die Fußgängerzone der Stadt – im Schritttempo natürlich – beginnend sollte die härteste Vespa-Rallye des Jahres seinen Lauf nehmen. 

 

Da ich die Startnummer 8 bekommen hatte, und vor mir nur 2 Fahrzeuge der Klasse „Le Fenomenale“, deren Teilnehmer übrigens die weiteste Anreise aus Neapel hatten, starten würden, wusste ich, das meine Startzeit exakt 9.02 Uhr sein würde.

 

Jeden Tag wurden während der Strecke zwei Zeitnahmen vorgenommen. Beispielsweise hieß es, das am ersten Fahrtag die erste Zeitnahme, immer mit einer bestens vorbereiteten Verpflegungsstation versehen, an dem es Getränke, Obst und leckere belegte Brötchen oder auch mal süße Stückchen oder eine kräftige Jause gab, in 220 Minuten – und zwar minutengenau – erreicht werden sollte. Erst einen Kilometer vor diesem jeweiligen Zwischenziel gab es ein Hinweisschild auf die Station, so dass erst in diesem Moment wirklich klar war, da man auf der richtigen Strecke sein würde. Also mussten die Minuten zu der Startzeit dazugerechnet werden. Manche Fahrer hatten sich im Laufe der weiteren Tage regelrechte „Kniebretter“ gebastelt, auf denen sie Zwischenzeiten vorkalkuliert hatten und die jeweils zu durchfahrenden Orte und die dazwischen liegenden Kilometer theoretisch bereits durchdacht hatten. 

 

Da es jedoch an jedem Tage zwischen den beiden Zeitnahmen zusätzlich eine Sonderprüfung gab, war es besonders für die langsamen Faro Bassi nicht einfach, diese Zeiten exakt zu fahren; besonders dann, wenn man noch eine Panne hatte oder einfach auch nicht die Steigfähigkeit einer Rally in den Bergen. 

Eine Sonderprüfung bestand z.B. darin, in einem Ort auf dem Marktplatz an einem Brunnen, auf dem Fuße einer Figur, den Vornamen des Erschaffers auf einem kleinen Wappen abzulesen und zu notieren oder später einmal die Postleitzahl eines winzigen Dorfes in Italien zu erfragen – Internet nicht erlaubt!

Der gesellige Abend endete mit einer Vorführung eines Schuhplattlers und von Alphörnern sowie einer musikalischen Darbietung mit Schifferklavier und Kuhglocken.

 

Am Montag, dem 10. September 2012, war ich bereits um 6 Uhr in der Frühe wach und machte mir so meine Sorgen, denn weder kannte ich die Gegend noch wusste ich, ob ich mit der Königin überhaupt den Großglockner hinaufkommen würde, der die erste Hürde des GIRO werden sollte. Allerdings schien ich nicht der Einzige zu sein, denn im Hof werkelten schon die ersten Frühaufsteher an ihren Fahrzeugen herum oder einige ganz Verrückte tuckerten schon die Straße hoch und wieder hin­unter.

 

Nach dem gemeinsamen hervorragenden Frühstück wurde es Zeit, seine Sachen zu packen und vor dem Hotel aufzustellen; versehen mit der eigenen Startnummer. Ein Transportfahrzeug würde die Koffer und Gepäckstücke einladen und bis abends zum nächsten Zielort transportieren. Das klappte übrigens die ganze Zeit reibungslos und nur, weil sich niemand des Teams zu schade war, immer wieder mit anzupacken und hilfsbereit jedem zur Seite zu stehen! Ich musste also nur noch zu meinen Fahrklamotten meine neue GIRO-Jacke überziehen, meinen Arztkoffer, in dem sich meine Ersatzteile und das Werkzeug befanden, festzurren und da der Wettergott uns Sonnenschein vorausgesagt hatte, fuhr ich los in Richtung Stadtmitte zum Startplatz.

 

Was da los war! Mitten in der Fußgängerzone hatte das Team eine Startrampe aufgebaut, eine richtige Zeitnahme unter einem Zelt aufgebaut und es hatten sich neben den Rollern und deren Fahrern bereits eine ganze Menge Leute versammelt, um dem kommenden Spektakel beizuwohnen. Auf der riesigen Digitaluhr lief die Zeit her­unter, und ich wusste, das es nun langsam auch für mich ernst werden würde.

 

Die restlichen Teilnehmer trudelten ein, der Stadtplatz füllte sich zusehends, die ersten Starter stellten ihre Maschinen schon in der Startreihenfolge auf und es wurde noch ein wenig gealbert, aber ich glaube, das alle Teilnehmer am ersten Tag ziemlich nervös waren, auch wenn es sich niemand anmerken lassen wollte.

Die Presse hatte sich zwischenzeitlich eingefunden, der Fotograf des GIRO, Andres Krenn, machte seine Kamera fotofertig und jetzt hieß es nur noch warten und hoffen, das die Vespa auch vor dem großen Publikum ordentlich ansprang ...

Noch knapp 5 Minuten, und 4 Länder in 5 Tagen, 32 Pässe und mindestens 1.250 km Rennstrecke auf einer schlappen „Lampe unten“, für mich eigentlich viel zu klein, würden vor mir liegen – was hatte ich mir nur dabei gedacht?

 

9.01 Uhr und 20 Sekunden, die beiden Neapolitaner waren bereits weg, die Königin war zu meiner großen Erleichterung mit dem ersten Kick angesprungen, jetzt den Helm zu, die Taschen der neuen Jacke noch einmal kontrollieren, das Grinsen für den Fotografen nicht vergessen, ab auf’s Podest gefahren und die Sekunden her­untergezählt, während ein bekannter Rennsprecher mir noch sein Mikrofon vor die Nase hielt um zu erfahren, was das denn für ein Roller sei. 

 

 

9.01 Uhr und 55 Sekunden – erster Gang – jetzt nur nichts falsch machen und hundertstelsekundengenau ging’s los auf die härteste Vespa-Rally des Jahres – und das sollte sie zumindestens für mich auf jeden Fall noch werden ... – auf nach Cortina d’Ampezzo in Italien.

 

Die Großglockner-Hochalpenstraße kannte ich ja schon von den Vespa-Alp-Days, als wir unter Führung von Erik Lieberknecht im Juni 2012 eine Alpentour machten und auf dem Heimweg noch in Zell am See einen Zwischenstopp einlegten; allerdings damals mit meiner P-200-E, für die der Berg kein Problem darstellte. Dieses Mal sollte er sich als erste echte Hürde für mich zeigen. 

 

 

Nachdem ich die Fußgängerzone nach meinem Start durchquert hatte, stand ich erst einmal fast eine Minute lang an einer roten Ampel. Nachdem ich durch den Tunnel in Richtung Hochalpenstraße den Ort verlassen hatte, bemerkte ich hinter mir schon den nächsten Starter. Er heißt Pasquale del Sorbo und fuhr auf seiner wirklich schnellen „LU“ ziemlich bald an mich heran. Von da an waren wir fast unzertrennlich und schon bald hatten wir die beiden Neapolitaner vor uns eingeholt und so ging es zu viert auf den Berg, der immer steiler wurde, je näher wir ihm kamen. Unzählige Kehren später hatten wir, wie an einer Perlenschnur aufgereiht, die 2.504 m hohe Paßstraße bewältigt, fast nur im 1. Gang fahrend, schoben wir uns die Straße hinauf. Was ein Erlebnis, wir zusammen als GIRORISTI, wie wir hautnah das Erlebnis Alpen spüren, riechen, sehen und fühlen konnten! Eine wunderbare Fernsicht aus der Höhe setzte dieser Fahrt die eigentliche Krone auf, am Fuscher Törl befand sich die erste Zeitstation. 

 

Nach einer Pause ging es durch den 311 m langen Tunnel am Hochtor direkt durch das Tauernmassiv aus dem Salzburger Land heraus nach Kärnten, ab da in rasanter gemeinsamer Abfahrt mit etwa 6 - 8 Gleichgesinnten den Berg wieder herunter, den Eisengeruch der glühenden Bremsen immer schön in der Nase. 

Bereits nach der Abfahrt, die Pasquale am rasantesten fuhr, bekam er hinter dem Örtchen Heiligenblut an der Abfahrt in Richtung Lienz die Quittung für sein Rennen – die Bremse war so heiß geworden, das sie blockierte und er sie erst wieder abkühlen lassen musste.

 

Richtung Lienz kam es zu einer kurzen mehr oder weniger freiwilligen Pause, als Christian Eichelseder aus Österreich ständig Kolbenklemmer an seiner 56er VN bekam und Pasquale in einem Schauschrauben erstmals seine Fähigkeiten unter Beweis stellte, als er kurzerhand den Vergaser ausbaute und die Schwimmernadel ein Stück versetzte – Christian hatte von da an keine weiteren Motorprobleme mehr und schlug Pasquale zum Retter des Tages vor, was 100 Extrapunkte in der Bewertung gab. 

 

Von Lienz weiter ging es jedoch nicht direkt in Richtung Cortina d’Ampezzo, sondern in Richtung Staller Sattel den nächsten Berg hoch. Nach etwa 2 Stunden weiterer Fahrt kam es mir so vor, als wenn meine Vespa keine Leistung mehr hätte und ich dachte schon daran, sie würde den Geist aufgeben. Grund dafür war allerdings nur der schier endlose langsame Anstieg, den man als Fahrer optisch nicht wahrnehmen konnte und es handelte sich daher um eine Täuschung. Kurz vor dem Staller Sattel am Obersee, noch auf österreichischer Seite, trafen wir eine Horde GIRORISTI, die uns zwischendurch bereits überholt hatten und uns an der zweiten Zeitnahme bereits erwarteten. Bei wunderbarem Wetter gab es eine Stärkung, bevor es auf den Sattel ging, denn die Abfahrt in Richtung Italien kann nur jeweils in einer bestimmten Viertelstunde einer Stunde gefahren werden, da es sich um einen Einbahnstraßen-Pass handelt. Am Lago di Anterselva vorbei, bereits wieder unten in Italien, und weiter zum Lago di Valdora und Lago di Dolbiacco und dann ein weiterer starker Anstieg zwangen dann meine Schaltung in die Knie – irgendwie hatte sich ein Schaltzug gelängt und ich konnte an einer Steigung nicht mehr in den ersten Gang herunter schalten. So versuchte ich stotternd im zweiten Gang den Berg herauf zu fahren, aber es half nichts. Irgendwann musste ich anhalten und kramte meine Arzttasche leer, um das richtige Werkzeug zu finden. Nach etwa einer halben Stunde hatte ich die Schaltung wieder einigermaßen hinbekommen und konnte weiterfahren, jetzt allerdings schon ohne jede Chance, Cortina noch rechtzeitig in meiner vorgegebenen Zeit zu erreichen. 

 

Nach der Bewältigung des Passes und Abfahrt in Richtung Cortina dann plötzlich Zündaussetzer! Eben fuhr die HC noch ordentlich und plötzlich ging sie mir aus? Zündkerze defekt? Wieder alles aus der Tasche raus, Kerze ausgeschraubt, aber Zündfunke da. Also wieder rein und starten. Wieder nichts; aber in der Stille des Waldes konnte ich ein Knistern hören, wenn ich den Motor kickte. Das Zündkabel war an einer Stelle durchgeschmort und hatte Kontakt mit der Masse bekommen; das war der Grund für die Aussetzer! Schnell Klebeband als Pflaster drauf, Klappe zu, Werkzeug weg, Motor an und dann mit fliegenden Fahnen den Berg herunter hinter den anderen her, die jedoch schon beim ersten Bier in der Abendsonne abhingen, als ich endlich total verspätet nach fast 300 km in Cortina am Zieleinlauf ankam, mit einer Durchschnittgeschwindigkeit von unter 35 km/Std.!

 

Doch welch ein herrlicher Tag war das gewesen! Welch’ ein unvergessliches Erlebnis! Und nun wurden wir in einem Riesenhotel inmitten der Dolomiten einquartiert, die Vespas in der Tiefgarage, bei lauem Lüftchen saßen wir in einer Gruppe von vielleicht 30 bis 40 GIRORISTI abends nach dem Essen (Franz hatte uns in seiner allabendlichen Ansprache gewarnt: „dies war erst der erste Tag, morgen wird es richtig zur Sache gehen ...“) in einer italienischen Bar gegenüber des Hotels und verabschiedeten erst den Bürgermeister von Zell am See, der am Abend noch auf Achse in die Dunkelheit zurück in sein Städtchen fuhr und feierten unseren ersten Sieg, jeder seinen eigenen, bis die Guardia Civil uns zu später Stunde zur Ruhe mahnen musste ...

 

Der zweite Tag begann ähnlich wie der erste. Am frühen Morgen hörte ich schon angelassene Motoren; vor dem Frühstück musste das Gepäck abgegeben werden, dann die Vespa rausholen und zum Startplatz fahren – vorher aber schnell noch eine Tankstelle suchen ...

 

Eine tolle Stimmung, wieder mit famosem Wetter gepaart, machte sich am Startplatz breit. Jeder wusste ja jetzt schließlich auch schon „wie der Hase läuft“. Ich glaube, an diesem Morgen hatte jeder GIRORISTI seine GIRO-Jacke an und freute sich auf die Weiterfahrt – ein tolles Bild!

 

 

Um 9.02 Uhr schlug für mich wieder die Stunde der Wahrheit. Die gestrige letzte rasante Abfahrt zum Ziel sollte heute der erste richtige Anstieg werden, „bis Federavecchia und dann rechts abbiegen“ stand auf meinem neuen Roadbook. Ich habe an diesem Morgen gleich auf Pasquale gewartet, Vinzenco und Rosario, die beiden aus Neapel, hatten auf mich gewartet und zu viert ging es los in den zweiten Tag. Schon kurze Zeit später hatten sich wieder einige gleich schnell fahrende GIRORISTI aus verschiedenen Ländern zusammengefunden, Kranjska Gora in Slowenien hieß das Tagesziel, etwa wieder 250 Bergkilometer vom Start entfernt. Einige wunderbare Pässe lagen vor uns, langsames Heraufkriechen im ersten Gang und traumhafte und endlose Abfahrten bei echten Sommertemperaturen schmiedeten uns zusammen zu einer schnell befreundeten Truppe, die gemeinsam beschlossen hatte, dieses Erlebnis zu teilen. So ging es immer in Richtung Osten in die oberkrainische Gemeinde im äußersten Nordwesten Sloweniens, zwischen den westlichen Ausläufern der Karawanken und den zentralen julischen Alpen im Süden, in der Nähe des Wurzenpasses. Einer der letzten Pässe hatte es besonders in sich, die Panoramica delle Vette; ein alter Militärpass, deren Steigungen meine Vespa kurz vor dem höchsten Punkt nicht mehr gewachsen war und in musste teilweise mit laufendem Motor und eingelegtem Gang schieben – Jürgen Weber auf seiner VN von 1956 erging es jedoch auch nicht besser. Nach einem endlos scheinenden Aufstieg durch dunkle Wälder auf einer halb asphaltierten und halb von Querrillen und Wurzeln durchzogenen Passstraße, nicht breiter als drei Meter mit winzigen Kehren wurde die Vegetation immer spärlicher und irgendwann fuhr ich auf dem Kamm des Berges entlang zur Zeitnahme, die ich allerdings ziemlich verspätet erst erreichte. Nach einer grandiosen Fahrt auf geschotterten Strecke mit sagenhafter Aussicht, die ich alleine für mich geniessen konnte und währenddessen ich immer mal wieder stehen bleiben musste, um einige Fotoaufnahmen zu machen, ging es extrem steil auf der anderen Seite wieder herunter, dieses Mal klemmte mein Gaszug und ich fuhr mit fast aufgedrehtem Vollgas die engen Kurven herunter; das hatte ich beim Anstieg noch gar nicht nicht richtig bemerkt. Also im ersten Gang mit Vollgas und angezogenen Bremsen den Berg wieder her­unter; zwischendurch überholte mich das einzige teilnehmende Gespann, eine Vespa P-200-E mit Cozy Beiwagen, gelegentlich wurde es so steil, das ich den Zündschlüssel während der Fahrt abziehen musste, um nicht über den Sattel zu fliegen und so rollerte ich als einer der Letzten hinter der Meute her.  

 

Erst bei Sonnenuntergang und baldigem Anbruch der Dunkelheit erreichte ich dieses Mal in Vollgasfahrt unser Ziel, begrüßt von den Fahrern, die mich während des Tages noch begleitet oder mich mit ihren schnellen Maschinen überholt hatten und am Ziel auf uns warteten. 

 

Am Abend, nach dem wir unsere Unterkünfte bezogen, geduscht, ich das erste Bierchen mit Jürgen getrunken und noch ein wenig gefachsimpelt hatte und wir danach die Vespas in die dazugehörige Hotelgarage gestellt hatten, ging es zu gemeinsamen Abendessen bei allerbester Küche. An diesem Abend wurden die drei ältesten Teilnehmer geehrt; die Teilnehmerplaketten wurden ausgegeben und wir wurden fürstlich bekocht. 

 

Franz Schmalzl, der selbst mit der Startnummer 31 auf seiner Super Sport 180 den GIRO mitfuhr, hielt wieder seine Laudatio und schwor uns ein, das jetzt zwar schon zwei sehr anstrengende Tage mit hohen Kilometerleistungen hinter uns lagen, aber die Rallye am nächsten Tage noch härter werden würde; uns würde ein Pass in Reinkultur erwarten, den noch keiner so auch nur annähernd gefahren sei. 

Das nahmen die ersten Teilnehmer zum Anlass, sich aus der Gesellschaft zu stehlen und doch sicherheitshalber noch eine technische Überprüfung ihrer Vespa vorzunehmen. Nach und nach leerte sich daher der Saal, und die GIRORISTI trafen sich – wie zufällig und ohne das es vorher abgesprochen war – in der Tiefgarage zum kollektiven Schrauben. Nach kurzer Zeit lagen mehr als 10 Ves­pen auf der Seite, jeder half dem Nächsten, und es wurden Bremsen zerlegt, Kupplungen gewechselt, Züge nachjustiert; Öle nachgefüllt und diverse Kaltverformungen ausgebeult und sogar eine komplette Zündgrundplatte ausgebaut und neu verlötet mit dem Erfolg, das die noch übrig gebliebenen Roller für den nächsten Tag wieder startklar sein würden. Leider hatte „Scooterpezzi“ Leo an diesem Tag kein Glück gehabt, sein Roller war mit Motorschaden ausgefallen und er machte sich am kommenden Tag selbstständig auf den Weg zurück nach Zell am See, um seine Ersatz-PX zu holen und den GIRO wenigstens mit uns – wenn auch außer Konkurrenz – bis zum Schluss durchzufahren. Gegen Mitternacht verließ ich die zweitaktverqualmte Tiefgarage und schlief binnen Minuten traumlos ein. 

 

Der dritte Tag weckte uns nicht mehr mit den gewohnten Sonnenstrahlen, der Himmel war stark bewölkt und uns wurde prognostiziert, das eine Wetterfront aus Richtung Westen auf uns zukommen würde und wir mit ausdauern­dem Regen zu rechnen hätten, jedoch erst im Laufe des Tages. 

 

Also „the same procedure as every day“, und pünktlich um 9.02 Uhr verließ ich unter dem allgemeinen Beifall der anderen später startenden GIRORISTI und den Zuschauern wieder als dritter Starter die Stadt in Richtung Bad Kleinkirchheim im Bezirk Spittal in Kärnten; nicht jedoch ohne erst noch eine große Schleife durch Slowenien machen zu müssen, um meine Zeitstationen abzufahren. Das Roadbook sagte eine etwa neunstündige Route voraus und damit hatte Franz uns am Abend nichts Falsches erzählt; vor mir lagen wieder über 250 km und die sollten ziemlich nass werden ...

 

Schon nach kurzer Zeit eine Pflasterstrasse hinauf fing es an zu tröpfeln; also hielt ich an, um meinen Regenkombi überzuziehen. Dabei bemerkte ich, das mein Gas am Roller schon wieder stehen blieb und ich kaum Gas wegnehmen konnte. Was konnte das bloss sein? Nach der Weiterfahrt wurde es schnell ziemlich düster und neblig und es regnete in Strömen. Die Startnummern 1, 8 und 11 – Vinczenco, Pasquale und meine Wenigkeit – hatten sich wieder zusammengefunden und wir machten uns zu dritt gemeinsam auf die Weiterreise. Ich hatte zu Hause versäumt, meine Handschuhe einzupacken, da der Wetterbericht noch am Wochenende gutes Wetter vorausgesagt hatte und es – zumindest in Oberursel – nicht den Anschein gemacht hatte, es könne regnen oder sogar kalt werden. So hatte ich nur meine gelben Monteurshandschuhe dabei, die ich anzog. Der Regen wurde immer schlimmer, das Wetter zunehmend unangenehmer.

 

Vorgesehen war die Überfahrt nach Italien über den Vrsic-Pass über Bovec nach Uccea, von dort durch das Tal von Resia nach Resiutta und von Chiusaforte über den Predil-Pass zur Mangart-Rundstraße, wo die erste Zeitnahmestation sein sollte. Diese war jedoch wegen des schlechten Wetters kurzfristig am Beginn der Rundstrasse aufgestellt worden und dort hatte ich dann endlich Gelegenheit, meinen Vergaser auszubauen, da nur noch Vollgas ging und jeder Schaltvorgang eine Höllenqual für mich und meine Königin geworden war. 

 

Dazu musste ich allerdings meine klatschnassen Handschuhe ausziehen, und schon hatte ich alle Lacher auf meiner Seite. Meine Hände hatten die Farbe der Handschuhe angenommen, waren runzelig-gelb angelaufen und dies ließ sich auch bis in den kommenden Tag nicht mehr entfernen. 

 

Der Vergaserschieber saß fest. Intuitiv hatte ich jedoch beim Packen meines Werkzeuges noch meinen anderen Pallas-Vergaser mit eingesteckt – so einen findet man ja sonst eher nicht an jeder Ecke – und in Windeseile war das Teil getauscht und die Vespa sprang wieder problemlos an. Glück gehabt, auch wenn ich dafür auf die leckere Zwischenmahlzeit verzichten musste! 

 

Auf den nächsten 60 Kilometern an Villach vorbei zur nächsten Zeitnahme in Richtung Kreuzen lief das Wasser dann langsam durch alle Ritzen – das Wetter wurde erbarmungslos. An der Zeitnahmestation standen einige zitternde GIRORISTI, die allesamt klatschnass, aber dennoch bester Laune waren. Von dort, nach kurzem Aufenthalt und dem Versuch, die Zeiten in das völlig aufgeweichte Roadbook eintragen zu lassen und wieder in Österreich angekommen, starteten wir unsere „Le Fenomenale“ wieder und fuhren die weiteren 30 km nach Spittal an der Drau, einem schönen Städtchen am Millstädter See. 

 

Das Wetter wurde zusehends schlechter, und es wurde eine wahre Rutschpartie bis dort. Einige Vespafahrerinnen- und Fahrer hatten in Spittal die GIRORISTI bei ihrer Durchfahrt in ein Vespacafé eingeladen, aber ich glaube nicht, das auch nur einer von uns davon Gebrauch gemacht hat – alle wollten jetzt nur noch in Bad Kleinkirchheim ankommen. 

 

Vinzenco fragte mich noch, wie weit es nun noch sein könne – wir fuhren zu zweit – und ich sagte ihm, es seien etwa 10 km bis zum Ziel; verschwiegen habe ich ihm in dem Moment, das ich wusste, das es noch über 30 km sein würden und wir bei dem Wetter und einigen Anstiegen bestimmt noch mehr als eine Stunde weiterzufahren hätten. 

 

Die Zeit verrann wie in Zeitlupe. Wir fuhren, die Rinnsale am Körper wurden immer größer, nasser als an dem Abend war ich auf einer Vespa wirklich noch nie geworden. Weil ich das Gefühl bekam, das Vinzenco kurz vor dem Aufgeben war, fuhren wir die restliche Strecke gemeinsam nebeneinander, es wurde langsam dunkel und eiskalt. Irgendwann tauchte an der Straße das Ferienhotel Kolmhof auf, und wir hatten es wieder einmal geschafft!

 

Da das Hotel nicht groß genug war, um alle GIRORISTI zu beherbergen, nahm ich meinen Trolly, band ihn wie einen Anhänger an die Königin und fuhr den Kilometer zu meinem Hotel mit dem Koffer im Schlepptau in strömendem Regen noch den Berg hinauf.

 

Der Herbergsvater hatte einen Heizungsraum, in dem wir unsere nassen Sachen unterstellen konnten, und nach einer heißen Dusche ging ich mit Andreas zu Fuß zum Kolmhof zurück; zwischenzeitlich war es bitterkalt geworden.

 

Beim Abendessen war die Stimmung wieder sehr gut. Ich lernte an diesem Abend Oliver Schmuck vom SIP Scootershop kennen, der mit einer GS 160 gestartet war und an diesem Tag eine leichte Kollision mit einem ausscherenden LKW gehabt hatte, und schätze ihn seitdem als sehr netten und gutgelaunten GIRORISTI der ersten Stunde, dessen Motto „Der Weg ist das Ziel“ nicht treffender sein konnte für diesen Tag. 

 

Uns wurde an diesem Abend in Franz seiner Ansprache mitgeteilt, das sich das Wetter weiterhin verschlechtern würde und der kommende Tag ohne Zeitnahmen auf geänderter Strecke stattfinden würde, da auf einigen Pässen über Nacht mit Neuschnee zu rechnen sei. Ich glaube auch, das sich spätestens an diesem Abend eine verschworene Gemeinschaft Gleichgesinnter gebildet hatte, die alle stolz auf ihre Leistung waren und sich das auch redlich verdient hatten. 

 

Am späten Abend traf Leonardo Macaluso noch unter dem Beifall aller Teilnehmer wieder zu unserer Truppe, er war den ganzen Tag alleine mit seiner PX von Zell am See nach Bad Kleinkirchheim gefahren, um die restlichen Tage noch bei uns zu sein und erzählte von schlechtesten Widrigkeiten auf seiner gefahrenen Strecke. 

 

Am nächsten Morgen konnte ich schon erahnen, was uns heute erwarten würde. Beim ersten Blick aus dem Fenster war klar, das meine gelben Handschuhe heute nicht mehr reichen würden – die Bergspitzen waren schneebedeckt und es herrschten eisige Temperaturen. 

 

Heute würde ich alles übereinander anziehen, um möglichst lange der Witterung standzuhalten. Da meine Schuhe immer noch nass waren, zog ich zwischen meine zwei Paar Socken sicherheitshalber noch einen Plastikbeutel, da ich meine Füße am vorherigen Tag abends nicht mehr gespürt hatte, packte mich wie eine Zwiebel ein, den Regenkombi noch darüber und einen Schal um den Hals. Glücklicherweise war in meiner Herberge auch Peter Lohrer aus Gauting untergebracht, der mir sein zweites Paar Handschuhe zur Verfügung stellte – ich glaube, ohne die hätte ich den folgenden Tag nicht überstanden.  

 

Das geänderte Streckenprofil sah Berchtesgaden als Ziel des Tages vor. In einer großen Gruppe fuhren wir ohne Zeitnahme los. Ich erinnere mich noch, wie wir zusammen versucht haben, einen Ausgang aus dem Tal zu finden und mehrere Strecken versuchten, die jedoch alle ­irgendwann in der Höhe aufhörten. Irgendwann hatten wir dann den richtigen Weg gefunden und fuhren eine Paßstraße hinauf, deren letzte Steigungen meine Königin nicht mehr schaffen wollte, ich fiel immer weiter zurück und musste einige Male umkehren, um in Gefälle wieder Schwung zu holen und es erneut zu versuchen. So bin ich in meiner Montur bestimmt zwei Kilometer neben meiner Vespa, in die ich den ersten Gang eingelegt hatte und neben mir herlaufen ließ, den Berg heraufgekeucht; und nur mit Leo’s Hilfe schaffte ich die letzten Meter auf die Bergspitze; er war zurückgekehrt und ich zog mich, während ich mich an seinem Arm festhielt, über die Kuppe. 

 

Auf dem Berg lagen fast 30 cm Neuschnee. Da unsere Truppe reichlich durchgefroren war, und wir an der Bergstation einige Vespas des GIRO stehen sahen, kehrten auch wir ein und ließen uns erst einmal eine heiße Suppe bringen, um danach noch in Ruhe ein Riesenschnitzel zu essen. Dabei lernte ich einige sehr nette Schweizer GIRORISTI kennen; ich weiß heute nicht mehr genau die Namen, es waren ein Ralf, ein Basil und ein sehr netter Roberto dabei. 

 

Auf der Abfahrt durch die Schneelandschaft kamen wir langsam wieder in normale Höhen herab, und plötzlich verabschiedete sich Pasquales LU vom Gas und ging aus. Er rollte jedoch noch bis in die nächste Ortschaft herein und wir blieben an einer uralten Reparaturwerkstatt stehen, um nach dem Rechten zu sehen. Die anderen, bis auf unseren neuen Freund Vinzenco aus Neapel, verabschiedeten sich und fuhren weiter. 

 

Der gewiefte Pasquale hatte im Handumdrehen den Vergaser seiner Maschine ausgebaut, im Laden der Werkstatt verkaufte uns eine ältere Dame eine Dose Kaltreiniger, und nachdem der schmoddrige und mit Wasser vollgelaufene Vergaser bis auf’s letzte Teil zerlegt worden war – Vinzenco konnte es gar nicht glauben – wurde der gereinigte Vergaser in Rekordzeit wieder zusammengebaut und eingesetzt; die Vespa sprang sofort wieder an und lief seitdem wie am Schnürchen; ganz im Gegenteil zu meiner Königin, von der ich das Gefühl hatte, sie würde immer schwächer werden. Aus der hinteren Bremse lief Öl aus, das war das sichere Zeichen für einen defekten Simmerring. 

 

Vinzenco holte sich noch schnell zwei Dosen Kaltreiniger – so etwas hatte er noch nie gesehen – band sie auf seine Gepäckbrücke und wir fuhren weiter in Richtung Berchtesgaden, einem Markt im Landkreis Berchtesgadener Land im äußersten Südosten des bayerischen Regierungsbezirks Oberbayern, wo wir am frühen Abend nach mehreren Tankstopps wie die gefühlten Könige eintrafen, begrüßt von Matthias Hochberger und Matze Schäfer, die uns für diesen Abend auf ihrer Reise nach Kroatien besuchten und von Franz zum gemeinsamen Abendessen eingeladen worden waren.

 

Dem luxuriösen Hotel, in dem wir abstiegen, fehlte es an nichts. Der GIRORISTI Sepp Dandler, ein sehr liebenswürdiger Architekt, war wohl mit dem Bau des Hotels beauftragt gewesen. Eine tolle Stimmung machte sich breit, wir aßen gemeinsam, nachdem wir von einer offiziellen Delegation der Stadtväter begrüsst worden waren, und bekamen an diesem Abend unsere offiziellen GIRO-Chronographen, die uns so lange vorher versprochen waren. Holger Bensinger, ein hochsymphatischer lustiger Teilnehmer des GIRO mit einer Sprint Veloce von 1976 und einem Tigerrucksack unterwegs, sammelte von allen GIRORISTI freiwillige Spenden für die beiden Mechaniker ein, die bereits seit Stunden in der Tiefgarage des Hotels die Schäden des Tages versuchten zu reparieren. 

 

Die Stimmung war mehr als gelöst, wussten doch alle, das der GIRO nun fast geschafft war. Erst nach Mitternacht trudelte der letzte beim Hotel ein; der Ungar Albert Fazekas mit seiner PX-200 hatte sich völlig verfahren und musste tiefgefroren von der Vespa gehoben werden. 

Der Abend endete mit einem kollektiven Schrauben in der Garage, wobei einige GIRORISTI auch mit Hilfe des begnadeten Schraubers Ralph Bollak, der seine eigene V 32 von 1952 im Laufe dieses Tages verladen musste, ihre Maschinen nicht mehr reparieren konnten. 

Es wurden Probefahrten gemacht, bis aus den Aufzugsschächten der Zweitaktgeruch wahrzunehmen war; an diesem Abend signierte mir die jeden Abend auf’s neue hübsch gemachte Tochter vom Franz, Madlen Koblinger, das offizielle Booklet zum 1. GIRO VESPISTICO DELLE ALPI mit einer lieben Widmung. Erst spät in der Nacht kehrten wir auf unsere Zimmer zurück und freuten uns alle auf den letzten Tag mit der Zieleinfahrt in Zell am See.  

 

Der letzte Tag begrüßte uns mit einer guten Wetterprognose, es war zwar noch kühl, aber trocken; und wir gingen gutgelaunt an den Start. 

Vor meiner Startzeit hatte ich noch Gelegenheit, eine neue Zündkerze einzuschrauben und meiner treuen Gefährtin eine frische Ladung Getriebeöl zu spendieren; sie hat es wohlwollend über sich ergehen lassen und am Ende des Tages hatte ich mittels einer GPS unterstützten Messung von Pasquale die Gewissheit, das sie – kurz vor Zell am See bei allerbestem Rennwetter – 84,4 Stundenkilometer schnell gewesen war!

 

Dieser Tag verging wie im Fluge. Wir beiden hatten uns vorgenommen, dieses eine Mal noch richtig Gas zu geben und – da wir ja ganz frühe Starter waren – uns nicht mehr vom gesamten Feld überholen zu lassen und als erste in Zell einzutreffen. Also gingen wir kompromisslos an die Sache heran, dröhnten durch die Ortschaften und die sich zusehends verschönernden Gegenden der östlichen Chiemgauer Alpen über Reit im Winkl wieder nach Österreich hinein, erreichten unsere erste Zeitnahme mehr als eine Stunde vor dem vorgesehenen Zeitpunkt; ließen uns die Zeiten bei laufenden Motoren eintragen und schon ging es weiter auf die Strecke in Richtung Ziel – bis dahin hatte uns noch niemand überholt.

 

Kitzbühel flog vorüber, und der Nationalpark Hohe Tauern wartete mit einem wunderbaren Pass bei allerbester Fernsicht auf uns, über Fügen und Udems ging es durch die Zillertaler Alpen. 

Über die Paßstraße auf der anderen Seite wieder hinunter erwartete uns bereits die zweite Zeitnahme, die wir ebenfalls als erste erreichten. Madlen, die die ganzen Tage des GIRO die zweite Zeitnahmestation betreute, spendierte uns Wurst, Käse und Brot und schon nach kurzer Zeit brachen wir auf, um über eine alte Militärstraße die Reise fortzusetzen. 

 

Eine fantastische Abfahrt erwartete uns. Die Motoren liefen wie geschmiert – was ja bei der Königin auch der Fall war. Nur gelegentliche Almabtriebe behinderten ein ständiges Vollgasfahren; so hatten wir unterwegs die Gelegenheit, gegenseitig Fotos voneinander zu machen; links und rechts von Kühen begleitet, deren Kuhhaufen gelegentlich echte Rutschpartien bedeuteten.

 

Dieser Tag begleitete uns mit sensationellen Blicken in das wunderschöne Zillertal und gigantischen Alpenpanoramen; eine unvergessliche Fahrt zeichnete sich ab, jetzt waren es nur noch etwa 90 km bis Zell am See und es machte sich ein wahres Hochgefühl breit; wir fuhren ständig wechselnd im Windschatten, weit vorüber gebeugt auf den Lenkern hängend, und Pasquale bekam zu spüren, wie schnell eine vollgepackte HC Königin werden konnte, hatte er doch ständig „die Polizei im Nacken“.

 

Es dauerte keine neunzig Minuten, und wie die Gladiatoren erreichten wir als erste die Stadtgrenzen des Zielortes, stellten unsere Maschinen auf dem Marktplatz in Zell am See ab und setzten uns in die erste Cafeteria, um ein Siegesbier zu trinken. Welch ein Sieg! Nach und nach kamen die nächsten Fahrer in’s Ziel, und der Marktplatz überfüllte sich mit lederbekleideten GIRORISTI, erstaunten Gästen und einer völlig überforderten Cafeteria-Bedienung.

 

Genau zu meiner Ziel-Ankunftszeit musste die Vespa ihren letzten offiziellen Dienst aufnehmen, und zehntel­se­kun­dengenau überfuhr ich das letzte Mal die Ziellinie, wieder begleitet durch das Beklatschen meiner vielen neuen Weggefährten.

 

Am Abend nach einigen Bierchen und dem Bezug des Zimmers trafen wir uns zum letzten Male gemeinsam zum Abendessen. Es wurde eine ausgelassene Party, Franz hatte seinen Anzug herausgeholt, einige GIRORISTI hatte Jackets aus ihren Koffern gezaubert und es stand die Ehrung der Gruppensieger und des Gesamt­siegers an. 

 

Die drei ersten jeder Kategorie bekamen eine Edelweistrophäe, ich erinnere mich an Andreas Sprengel als Zweiter seiner Kategorie und an Kelle Grünewald und Oliver Schmuck, die Preise erhielten. 

 

Robin Davy wurde der Gesamtsieger des 1. GIRO VES­­PISTICO DELLE ALPI und erhielt dafür einen Leuchtglobus, auf dem auf einem angebauten Kreis einige ­Ves­pas montiert waren und Holger übergab seine gesammelte Spende an die beiden Monteure, die bei der Übergabe Tränen in den Augen hatten; eine schöne Geste.

 

Der GIRO war geschafft! 77 Teilnehmer, die härteste Vespa-Rally des Jahres, 6 Tage, 4 Länder, über 100.000 gemeinsam gefahrene Kilometer und 32 teilweise unübertreff­liche Pässe waren Geschichte geworden, und ich durfte dabei sein! Aus seiner Dankesrede erinnere ich mich noch ganz genau an Franz seine Worte: „Nach dem GIRO ist vor dem GIRO“, und ich werde in 2014 wieder teilnehmen, das ist sicher.

 

Abschließend bedanke ich mich für diese unglaubliche Leistung der Organisatoren, für die unermüdliche Aufmerksamkeit aller des gesamten Teams, für die Unterstützung aller Teilnehmer, für die Freundschaften, die sich entwickelt haben und für dieses für mich unvergessliche Erlebnis, das immer ein Highlight in meinem Leben bleiben wird – Franz, Du hast die Meßlatte ganz schön hoch angesetzt!"

 

Bericht: Thomas Knickmeier

 

 

 

 

Link: http://www.vespa-alp-days.at/vespistico/home.htm

 

Link: http://www.vespa-veteranenclub.de/giro_vespistico_delle_alpi.htm

 

Bilder: http://www.flickr.com/photos/brennuskrux/sets/72157631533435575/with/7985136857/


Eingetragen Jan 11 2013, 10:06 von Ralf

Comments

Classic Scene-Blog Vespa & Lambretta wrote Giro Vespistico delle Alpi
on Mi, Apr 3 2013 12:43

Thomas Knickmeier also took part in last years Giro Vespistico on his 1954 Hoffmann 'Polizeikönigin'


 
  zurück zur Blogs Übersicht