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Delhi - das Vespa Ashram


Wenn man in Delhi aus dem Flugzeug steigt, fällt er einem sofort auf: der allgegenwärtige Smog. Und der infernalische Verkehrslärm, der einem mit voller Wucht entgegenschlägt. In Indien bewirbt sich offenbar jeder Verkehrsteilnehmer um den Titel "Kavalier der Straße": Jeder hupt, was er kann um allen anderen von seiner eigenen Existenz Kunde zu tun. Es trötet, quietscht und flötet, denn auf dem Heck der Busse und Autorikschas steht in großen, bunten Buchstaben: „Bitte hupen!“ Viele Autofahrer klappen ihre Rückspiegel deswegen ein, man hört ja, wenn jemand trötend von hinten kommt...

Vespa Rider in Delhi IndiaIndien ist neben China wohl der größte Markt weltweit für motorisierte Zweiräder. Über eine Milliarde Menschen leben auf dem Subkontinent und die Mehrzahl der Bewohner ist immer noch einzig und alleine mit dem Fahrrad mobil. Fahrräder die bei uns bereits als Oldtimer Interessenten finden dürften sind hier über und über beladen mit Personen und Waren und sind allgegenwärtig. Aber die indische Wirtschaft und Gesellschaft entwickelt sich atemberaubend und es drängt eine immer größer werdende soziale Schicht nach oben, die sich zwar noch kein Auto aber einen Roller oder ein Moped leisten kann. Die Statistik dazu ist atemberaubend: Jeden Monat werden 1 Million Scooter und Mopeds in Indien verkauft! Indien hat heute die zweitgrößte Zweiradproduktion weltweit.
Bereits in den 50er Jahren startete Automobile Products of India (API) mit der Herstellung von Scootern, Enfield stellte Motorräder her. 1948 begann Bajaj mit dem Import von Vespas und Apes. 1960 errichtete Bajaj ein Werk, um in Zusammenarbeit mit Piaggio Roller herzustellen. Dieses Joint Venture endete 1971.
API stellte in Lizenz auch ab den 50er Jahren Lambretta Motorroller her. Das ging bis 1972, als Ferdinando Innocenti in Mailand Insolvenz anmelden musste. Der indische Staat kaufte den ganzen Betrieb durch die "Scooter India Ltd" (SIL) auf und baute die Modelle für den indischen Markt weiter.  Mittlerweile ist diese Produktion aber ausgelaufen, SIL produziert nur noch Vikram 3-Räder und versucht sich mit einer Art modernen Lambretta, ohne rechte Aussichten auf Erfolg. Übriggeblieben auf dem "klassischen Scootermarkt" ist heute nur noch LML, die in den 90er Jahren eine Vespa PX Produktionslinie in Pontedera von Piaggio kauften und nun recht erfolgreich ihre, außer dem Motor weitgehend Vespa-baugleiche, "Star" in Indien aber auch in Europa vermarkten. Letztlich war es wohl der überzeugende Erfolg der LML Star, der Piaggio zu einer Neuauflage der Vespa PX bewog. Aktuell stellt LML eine neue "Vespa PK" vor, die ab 2012 verfügbar sein wird.
Die großen Stückzahlen, was die Produktion betrifft, kommen jedoch auch in Indien von modernen Automatik Rollern. Honda ist hier der Marktführer mit seinem Modell "Pleasure" - wobei eher der Preis als die Optik bei diesem Vehikel Vergnügen bereitet. Beeindruckende 30.000 Stück gehen von diesem eigenwilligen Modell übern Ladentisch - jeden Monat! Piaggio Italien will auch wieder auf dem indischen Markt Fuss fassen, mit der LX 125 - voraussichtlich ab 2013.
 Vespa mechanic in Delhi India   Mich persönlich faszinierte, dass trotz dieser riesigen Produktionsflutung der indischen Strassen die alten Blechroller von Bajaj, LML und Lambretta sowie die 3-Räder das Straßenbild noch immer dominieren. Ganze 3- bis 4-köpfige Familien werden vom stolzen Papa so transportiert, es ist zum Teil unglaublich. An jeder Ecke in Delhi steht so eine "Vespa". Natürlich darf man sich keiner Illusion hingeben, die meisten dieser Roller werden vom Besitzer nur gefahren weil er oder sie sich nichts "besseres" leisten kann. Einen Scooterclub sucht man in ganz Indien vergebens, auf die Idee, dass eine 60er Jahre Bajaj im Originallack mal ein rarer Oldtimer werden könnte kommt kein Inder im Traum. Ersatzteile müssen billigst sein, nur echt direkt fürs Fahrzeug überlebenswichtige Reparaturen werden gemacht. Ein Auspuff wird lieber zum 100. Mal am Straßenrand geschweißt bevor endlich dann doch für wenige Rupien der billigste ECO Auspuff verbaut wird - bei dem die Schweisserei bald wieder losgehen wird. Die meisten Inder leben von wenigen Dollars am Tag, da ist Premium nicht drin. Die Werkstätten sind meist unter freiem Himmel, und die engagierten Mechaniker vollbringen wahre Wunder aus Nichts wieder einen fahrbaren Untersatz zu basteln. So wird einem bald klar, warum indische Ersatzteile oft so sind wie sie sind und warum wir jahrelange Arbeit in qualitativ hochwertige Produktionen stecken müssen.
Vespa Rider in Delhi IndiaWer Indien besucht sollte sich unbedingt eine Vespa oder einen anderen Roller ausleihen. Es sieht zwar extrem gefährlich aus, in diesem hupenden Chaos mitzuschwimmen, und es ist auch nicht ohne, mitten auf einer Innenstadtkreuzung gelangweilten heiligen Kühen ausweichen zu müssen - vergessen wird man diese spezielle Perspektive aber wohl nie wieder. Und auch nicht die gelassene und freundliche Art der Inder in all ihren nicht immer einfachen Lebenslagen, die mich persönlich schwer beeindruckt hat.

 

Bilder vom Delhi-Abenteuer gibt es hier:

http://www.flickr.com/photos/sipscootershop/sets/72157628133087132/

 

 

 

 


Eingetragen Nov 15 2011, 12:25 von Ralf
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Comments

Harald Hörmann wrote re: Delhi - das Vespa Ashram
on So, Nov 27 2011 19:36

Hallo Rollergemeinde! Solche Ideen werden in unseren Breiten sicher nie mit einer LML geboren!! Einfach genial und kraftschohnend. Harald


 
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