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Scooterboys - STERN 26/1989 Bericht


Im Sommer 1989 erschien im STERN eine Story über die SCOOTERBOY Bewegung. Der Bericht eignet sich hervorragend als Zeitdokument, seht selbst:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Von Christoph Scheuring mit Fotos von Gerald Hänel und Udo Thomas (Garp) 

 

 

Eigentlich unterschied er sich kaum von den Typen, die hier auf dem Karlsplatz in der Düsseldorfer Altstadt hockten, Dosenbier soffen und die Touristen erschreckten: Er trug eine rote Bomberjacke, das Fred-Perry-Hemd, die roten Springerstiefel und die Domestos-Jeans hochgekrempelt bis zum Stiefelschaft. Mit seinem rasierten Schädel, den muskulösen Armen und seinen 21 Jahren sah er aus wie ein Skinhead und war auch einer, aber mit denen hier hatte er trotzdem nichts gemein. Sie waren Fremde, eine andere Clique vielleicht, die er nie gesehen hatte. Auch den Glatzkopf kannte er nicht, der plötzlich aufstand und ihm die Faust ins Gesicht schlug. Nicht zielgenau und von weit her, aber mit der ganzen unkontrollierten Wucht seines besoffenen Körpers. Markus Broix reagierte nicht einmal. Verstand nicht, was da passierte, weil er den Kerl wirklich nicht kannte und weil auch bei den Skinheads solches Verhalten nicht zum Alltag gehört. Er bewegte sich erst, als in der Hand des Glatzkopfes plötzlich ein Messer glänzte. So eines zum Aufklappen mit einer dünnen, gefährlich langen Klinge. Aber da war es schon zu spät für eine Bewegung. Zuerst spürte Markus keinen Schmerz. Drehte sich nur um und wankte die Gasse runter in die Kneipe, wo er mit einem Freund Bier trank — so lange, bis das Blut durch das Hemd sickerte und die Hand in der Jackentasche rot färbte. »Scheiße«, sagte Markus, »jetzt ist derAbend versaut.« Im Krankenhaus flickten die Ärzte das Loch über dem Bauchnabel mit 16 Stichen wieder zusammen. Er hatte Glück gehabt, erzählten sie ihm, weil die Klinge haarscharf an der Bauchschlagader vorbeigeschrammt war, genau zwischen die Darmschlingen, ohne ein inneres Organ zu verletzen. Im Krankenhaus dämmerte ihm dann der Grund dieses Überfalls. Und der war so undurchsichtig, daß einer, der nicht zur Szene gehört, sowieso nicht mehr durchblickt. Da gibt es Red-Skins, die politisch eher links stehen, Fascho-Skins, die ganz weit rechts stehen, und Oi-Skins, die überhaupt nicht stehen, weil sie meistens zu besoffen sind dafür. Scooter-Boys gehören dazu, die Motorroller fahren und aussehen wie die Skinheads, aber keine sind. Mods sind dabei. Die auch Roller fahren, aber nicht wie Skins aussehen, und Rudeboys, die eine Glatze haben wie die Skins und Kleidung tragen wie die Mods und keine Roller fahren, aber auf jedem Treffen der Scooter-Boys mitmischen. »Also das ist voll kompliziert«, sagt Markus, »und begreifen tut das nur einer, der die Vergangenheit kennt.«

 

 

Angefangen hat alles in London Ende der fünfziger Jahre. Damals rotteten sich ein paar Jugendliche zusammen, die Roller fuhren, italienische Anzüge trugen und die Musik der Schwarzen hörten: Ska vor allem, den Vorläufer des Reggae, und Soul, der aus Amerika über den Atlantik gekommen war. Mit ihrem Stil und den richtigen Pillen hebelten sie den stillosen Nachkriegs-Wirtschaftswunder-Alltag aus den Angeln, weil Jugend darin nicht stattfand und Leben etwas anderes war als Spaß daran. »Mods« hießen die Jugendlichen und waren Englands erste eigene Jugendkultur. Mitte der 60er ging »Mods« nicht mehr: Der Stil war zur arroganten Attitüde geworden, und die Pharma-Industrie hatte die Rezeptur der Pillen geändert. Viele Mods schnitten sich die Haare kurz, nannten sich Skinheads, hörten weiter schwarze Musik und kämpften gegen Apartheid und die Unterdrückung der Schwarzen in England. Von ihnen spalteten sich später die Oi-Skins und von denen die Fascho-Skins ab. 1979 bescherte der Film »Quadrophenia« ganz Europa eine zweite Mods-Welle. Die Kids liefen wieder in den Konfirmations-Anzügen ihrer Väter herum und schraubten zentnerweise Spiegel und Chrom an ihre Roller, daß die Kisten bei Gegenwind kaum noch vom Fleck kamen. Dann entdeckten die Wohlstands-Popper den Roller. Teile der Mods packten deshalb die Anzüge wieder in den Schrank, rasierten sich die Haare und speckten den Roller ab, daß nur noch der Rahmen übrigblieb. »Scooter-Boys« nannten sie sich und sind heute die größte Gruppe in der Rollerszene: ungefähr 2.000 Mann stark in Deutschland, plus ein paar unerschrockene Frauen. Für gewöhnlich leben sie mit den Mods und den Skins friedlich zusammen. Besuchen die gleichen Treffen, tanzen nach der gleichen Musik und haben mit den gleichen Vorurteilen zu kämpfen. Für Presse und Polizei sind sie alle Chaoten, die ganz am rechten Rand der Gesellschaft vegetieren: dumpfe Vandalen, die bevorzugt Kneipen zerdeppern und Gäste zu Brei hauen. Dabei ist die Gleichung »Glatze gleich Gauleiter« so präzise wie »Krawatte gleich Kapital-verbrecher«. Markus hat die Zusammenhänge in einer Jugendzeitschrift einmal erklärt: daß Spaß das Wichtigste im Leben ist, daß danach der Roller kommt und irgendwann auch die Freundin. Und daß die politische Einstellung so unwichtig wie vielfältig ist. Noch unwichtiger als die Biermarke, mit denen sie sich manchmal den Kopf vernebeln. Nur wenige seien gegen Ausländer und für Randale und hätten einen Baseball-Schläger im Keller. Und die hätten nichts kapiert im Leben. Besonders der letzte Satz muß den Skin in der Altstadt geärgert haben. Markus selbst ist ein Scooter-Boy. Und ein harter dazu: drei Wochen nach dem Überfall sitzt er wieder auf seinem Roller. Heizt mit seinen Freunden durch den Schlamm oder fährt Rennen gegen GTI-Fahrer und Allrad-Enthusiasten und wer sonst noch zu ihren Feinden zählt. Manchmal fahren sie auch Spalier für hohe Staatsgäste, ohne Helm. Mit erigiertem Mittelfinger, weil die Polizei den Politikern dabei nicht von der Seite weichen darf und völlig hilflos ist. Oder sie dröhnen in die Stadt zu McDonald's, nicht weil dort die Pommes billig sind, sondern weil McDonald's Jungs wie Markus gerade noch duldet. In vielen anderen Restaurants haben sie Hausverbot. Dabei sind Scooter-Boys keine Gefahr für die Menschheit. Sie treffen nur, wie die Mods in den sechziger Jahren, auf eine Gesellschaft, in der Jugend nicht stattfindet, weil alles zur Mode kastriert wird, was seit je zur Jugend gehört: der große Protest und die kleine Flucht, das Graben nach Sinn und Wahrheit. Die Freude am Provozieren und das Werfen von Stinkbomben in die Welt der Erwachsenen. Heute provoziert nichts mehr, außer vielleicht die Koketterie mit dem Faschismus. Dies mag der Grund sein, weshalb manche mit den Symbolen der Nazizeit spielen. In Wirklichkeit sind Scooter-Boys bürgerlich bis in den Kern: Jugendliche mit siche-rer Zukunft, intaktem Elternhaus und einem Schlafzimmer mit Jugendmöbeln. Markus hat noch eine darbende Kletterpflanze über dem Bett, mit vier kleinen Blättern an dem dürren Ast, ein Deckchen auf dem Fernseher und einen Strauß Strohblumen auf dem Deckchen. »Deckchen und Strohblumen sind eine Konzession an die Mutter«. sagt er. »Ein Ausgleich für das was ich sonst mache.« Besonders spannend ist sein Leben trotzdem nicht: Hangelt sich nur von einem Aushilfsjob zum nächsten, fettet Militärgürtel bei einer Modefirma oder schreibt Rechnungen für ein Kaufhaus oder quält sich mit einem Kleinlaster durch die verstopften Straßen von Düsseldorf. Lauter Scheiß-Jobs. In denen er nichts zu melden hat und strammstehen muß vor irgendwelchen Idioten, die keinen Plan haben im Leben außer dem Kohle zu machen. »Das Leben ist Lohnarbeit«, findet Markus, »und Lohnarbeit ist Sklaverei. Und dafür hab' ich nicht das Abitur gemacht.« Manchmal jobbte er an der Tankstelle um die Ecke. Für einen Zehner die Stunde. Oder macht die Roller seiner Freunde noch etwas schneller. Gegen eine kleine Spende. Markus ist ein hilfsbereiter Kerl und ein begnadeter Bastler und gilt deshalb etwas in der Szene. Ein Roller an dem nicht geschraubt wurde ist keiner bei den Scooter-Boys. Sie unterscheiden zwischen drei verschiedenen Varianten. Einem »Race-Scooter«, der schnell ist und auch so aussieht, einem »Cut-down«, dem alles abgeschnitten wurde, was überflüssig scheint, und einem »Custom-Scooter«, an dem all das erlaubt ist, was der TÜV nicht erlaubt. Chopper-Gabeln, Motorrad-Tanks. Vorverlegte Fußrasten. Vergoldete Bremsscheiben und ähnliches. Er selbst hat einen Cutdown. Eine schwarze Lambretta Grand Prix mit aufgebohrtem Motor, tiefer Sitzbank und der Auspuffanlage eines englischen Tuning-Fachmanns. Damit ist er 140 km/h schnell und zeigt an der Ampel jedem Golf GTI locker das Hinterrad. Leider mögen die Polizisten solche Geschosse nicht. »Dafür können sie einen Rennauspuff vom Originalteil nicht unterscheiden« sagt Markus, »und einen größeren Vergaser übersehen sie auch. Außerdem haben sie Angst sich zu blamieren. Du mußt nur arrogant sein und irgendwas Kompliziertes von deinem Roller erzählen. Dann lassen sie dich gleich wieder fahren.« Manche Roller der Scooter-Boys kommen allerdings gar nicht erst über den TÜV. Für diese Fälle haben viele ein baugleiches Modell in der Garage, dessen Nummernschild sie benutzen. Markus fährt mit einer englischen Nummer. Das hat den Vorteil, daß ihm Polizei und TÜV sowieso nichts anhaben können. Und in England sind die Bobbys locker und ein Roller muß nur eine Hupe haben, funktionierende Bremsen und ein Licht. »In England schicken sie dich höchstens nach Hause, wenn du zu derbe Teile an deinen Roller baust« sagt Markus. Schon deshalb hat Markus dort einen zweiten Wohnsitz. England ist das gelobte Land der Scooter-Boys. Dort sind die Roller extremer und die Rollerfahrer auch. Und die Treffen sind dreimal so groß und gleichen eher dem ungeordneten Aufmarsch einer Armee. Das bedeutendste Treffen dieser Art findet jedes Jahr in Morecambe statt. Das ist ein heruntergekommenes Seebad, fünfzig Meilen nördlich von Liverpool, ein Städtchen, das im Sterben liegt und den Todeskampf mit Las-Vegas-Spielhallen und kilometerlangen Lichterketten etwas verlängert. Ein geliftetes, grell gefärbtes Stück Abfall, das durch die Schminke nur noch billiger wirkt. 

 

 

 

Rentner machen hier Urlaub die sich nichts anderes leisten können. Und Scooter-Boys die sich nichts anderes leisten wollen. Weil sie so sind wie dieser Ort: das verdreckte und vergessene Hinterteil Englands. Schattenseite des Thatcherismus. »In England müssen die Scooter-Boys die Preise von Unterlegscheiben vergleichen so wenig Geld haben sie« sagt Markus. 6000 Scooter-Boys sind diesmal nach Morecambe gekommen. Quetschen ihre Zelte auf den Parkplatz hinter der Promenade zwischen Bahnhof und Vergnügungspark und machen das, was ihre Kollegen in Deutschland auch machen: eigentlich nichts. Aber das tun sie exzessiv. Ohne Ordnung und ohne zu schlafen: dröhnen mit den Vespas und Lambrettas durch den Ort, bis ganz Morecambe in einer blauen Zweitakt Wolke erstickt. Liegen in den Vorgärten und trinken Dosenbier oder laufen in Rudeln über die Promenade, mit raumgreifendem Schritt und wiegendem Oberkörper. Als hätten sie gerade einen Großauftrag übernommen: Morecambe leersaufen oder Maggie Thatcher stürzen oder so. Jeder Scooter-Boy hat diesen Gang, weil jeder diese Springerstiefel trägt und weil die Schuhe keinen anderen Gang erlauben. Nur die Farben der Schnürsenkel sind unterschiedlich: Die Rechten haben rote, die ganz Rechten haben weiße, und die Linken haben schwarze. Und die Sympathisanten der IRA tragen gelbe. Auch in England sind die Unterschiede minimal, aber optisch wenigstens greifbar. Dort sind die Posi-tionen extremer, und trotzdem leben alle friedlich zusammen. Keine einzige Schlägerei in Morecambe, keine einzige Festnahme, bei den Scooter-Boys entscheidet die Gesinnung nicht mehr. Politik hat ausgedient in der Szene - und daran kann auch eine Messerstecherei in Düsseldorf nichts ändern.



Posted Aug 16 2017, 04:52 by Ralf
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