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Klassik Szene-Blog

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Vespa Wüstentour Marokko 2014


 

Es ist sechs Uhr morgens und Zeit zu starten. Langsam ziehe ich mir, den nunmehr fünften Tag hintereinander, meine Alpinstar Motocross Kombi an. Sie riecht streng. Heute muss ich 180km off-road auf einer pinkfarbenen Vespa PX200 runterreissen, nachdem ich die halbe Nacht auf der Kloschüssel verbracht habe und rostfarbenes Wasser ausschied. Das hat noch etwas strenger als meine Kombi gerochen. Als ich meine Herberge verlasse grinst mich der endlose Sahara-Sand höhnisch an.

 

Willkommen zum Vespa Raid in Marokko!

 

Vespa Raid Maroc is the probably world’s most hardcore scooter sport event, and I’ve entered the 3rd edition. The raid was conceived by a trio of Spanish nutters as a highly affordable off-road event for classic Vespa and Lambretta scooters. So far only one Lambretta has entered and it didn’t last too long. Thankfully, I’ve been loaned a Vespa by organiser Ferran. Previously his PX has completed three desert Raids including his entry in the 2011 Pan-Africa Rally which inspired the creation this event. 

 

 

Tag 1

 

Von den 21 ausschliesslich spanischen Teilnehmern bildete ich mit Inigo das Team „Bastardo“. Letztes Jahr hatte er sich den Knöchel bei dem Rennen gebrochen, was ihn allerdings nicht sonderlich irritiert hat. Ohne seine Hilfe wäre ich vollkommen aufgeschmissen da alle Besprechungen auf Spanisch stattfanden. Und auch so hatten wir einen ziemlich beschissenen Start. Das Konzept der Veranstaltung ist recht simpel: zuerst 3 Tage Navigation im Atlas Gebirge im weiteren Umkreis um eine stationäre Herberge. Dann Umzug in eine andere Unterkunft bei der Erg Chebbi Düne um 3 Tage in der Wüste zu fahren. Die Herausforderung dabei ist die Navigation. Man erhält Punkte in dem man vorgegebene Ziele per GPS erreicht und sich als Nachweis davor mit seinem Roller fotografiert. Punktabzüge gibt es wenn man den Kontrollpunkt auf etwa halbem Weg nicht findet und für jede Minute die man zu spät am Ziel ankommt. Da ich mit dem etwas eigenartigen „Trippy 2“ Navi nicht wirklich klarkam und dann auch noch in einen Regengulli hineinfuhr schloss ich Tag 1 direkt im negativen Punktebereich ab.

 

Tag 2

 

Die Tour führte uns von unserem Hotel in Midelt hoch ins Atlas Gebirge. Diesmal zeigten ich und mein Partner Inigo etwas mehr Geschick bei den Wegmarken und wir fuhren um unser Leben um nicht weitere Strafpunkte anzuhäufen. Eine Vespa auf holpriger Schottenpiste den ganzen Tag zu fahren erfordert pausenlose Konzentration. Einmal nicht aufgepasst könnte einen folgenschweren Absturz in den Klippen des Atlas Gebirges bedeutet, in dem Video weiter unten kann man das recht gut erkennen. Ich hatte schon vermutet, dass die Sache körperlich anstrengend wird und hatte im Vorfeld einiges trainiert und gut 6 Kilo Gewicht abgenommen. Mit schlechter Kondition wird ein Unfall sehr wahrscheinlich. Um es mit den Worten von Enrique Vera, dem späteren Gewinner, zu sagen: „das hier ist kein Urlaub, das hier ist Sport und es ist hart“. Am Ende des Tages fühlte sich mein Körper an als hätte ich einen Tag auf der Rüttelbank verbracht, aber hier ist noch nicht Schluss sondern es geht weiter: jetzt benötigt das gepeinigte Fahrzeug einiges an Aufmerksamkeit, Luftfilter reinigen, volltanken und nötige Reparaturen. 

 

 

 

 

TAG 3 

 

Die Aufgabe heute vormittag ist eine etwa 4-stündige Tour durch den berühmten „Cirque du Jaffar“ Canyon. Wir kommen langsam voran, manövrieren zwischen Fussball-grossen Felsbrocken die eine grosse Gefahr für die zerbrechlichen Motorgehäuse sind. Alle Top-Fahrer haben Kunststoff Abdeckungen zum Schutz, meine pinkfarbene PX präsentiert ihr blankes Aluminium… Zeitweise fühle ich mich etwas schuldig, als reicher Europäer das Land der armen Marokkaner zum Spielplatz zu machen aber unser Auftritt dort hat auch ein paar positive Aspekte: am Kontrollpunkt Paloma behandelte unser Rennarzt das kleine Kind einer Mutter das sich den Hintern verbrannt hatte. Mein kleiner Beitrag war es Kugelschreiber an die Kinder zu verteilen. Wahrscheinlich wären Süssigkeiten besser angekommen aber ich denke, dass ein Stift mächtiger sein kann als Haribo. Ich fahre besonders vorsichtig mit meiner Vespa denn das hier ist was anderes als ein Rundenrennen auf einer Rennstrecke. Es gibt keine Extrapunkte für eine schnelle Runde und wenn man von der Kiste absteigt womöglich nicht mal Zuschauer die applaudieren könnten. Im Gegenteil, man hat mehr davon seinen Roller am Leben zu halten und am nächsten Tag wieder antreten zu können. Bisher hatte ich keine technische Panne und am Ende von Tag 3 bin ich im grünen Punktbereich gelandet! Heute kann ich schlafen gehen während einige andere noch einige Zeit am Schrauben sind. Vorher gehts jedoch mit dem Minibus weiter ins neue Hotel in der Sahara.


 

TAG 4 

 

Zum Frühstück erblicken wir bereits die majestätischen Sanddünen die sich direkt vor dem Hotel erheben. Sanddünen sind mit einer Vespa nicht befahrbar aber auch auf den vorgebenen Strecken befand sich eine Menge Sand. Auf Sand zu fahren hält das Gefühl immer kurz vor einem Unfall zu stehen über Stunden aufrecht. Der Verstand weigert sich eigentlich auf so einem Untergrund Gas zu geben aber dann geht es doch gut, meistens jedenfalls. Mir hat es trotzdem nicht besonders zugesagt und ich ertappte mich dabei mich an die zwar unbequemen aber berechenbareren Geröllstrecken der letzten Tage zurückzusehnen. Am Ende kam die simple Vespa mit den Bedingungen doch ganz gut zurecht, was man allerdings tunlichst vermeiden sollte ist eine schleifende Kupplung. Die geht hier schneller in Rauch auf als man denken kann.

 

Tag 5 

 

Leider verbrachte ich den größten Teil der Nacht vor der härtesten Passage auf der Toilette. Heute lagen mehr als 180km auf gemischtem Gelände vor uns, und die einzige Chance teilzunehmen war mir mit Imodium meinen Verdauungstrakt lahmzulegen. Auf der Strecke erwischte es mich diesmal hart: erst ein Platten und dann fällt der Halter meines Navis auseinander. Zum Glück verloren wir nur Minuten: der Reservereifen ist in wenigen Minuten aufgezogen und wir tapen das Navi einfach mit Gaffertape auf den Tacho. Ich und Inigo waren zu diesem Zeitpunkt bereits ein gut eingespieltes Team und alles ging wesentlich schneller vonstatten als noch zu Beginn. Und so kamen wir auch in der Wertung nach oben. Die Spanier sahen den Event durchaus als Wettbewerb aber auch sehr sozial. Nach dem Rennen half man sich gegenseitig beim Reparieren und trank das eine oder andere Bier zusammen. Es gab insgesamt einen grossartigen Team Spirit unter den Mitfahrern. Vielleicht auch weil der größte Kampf der gegen die Natur war und nicht gegen seine Mitbewerber. 


 

 

 

 

TAG 6

 

Für mich war das der beste Tag, langsam kapierte ich das Trippy Navigationsgerät und konnte eine Strategie planen. Mit der Praxis kamen wir immer schneller voran. Auf einigen Passagen hatten wir nun 90km/h erreicht und sind bei Bodenwellen einfach nur noch aufgestanden oder Felsbrocken mit einfach Körperbewegungen ausgewichen. Das Hinterrad arbeitete wie ein wilder Bulle aber du ignorierst das einfach und hältst das Lenkrad fest und so beruhigte sich das geplagte Fahrwerk auch wieder. Viel zu schnell ging dann der letzte Tag zu ende. Ein gemeinsamer Sprung in den Pool mit Blick über die Sahara Dünen und ein paar Bier sowie die Preisverleihung bei einem lokalen Berberfest beendeten das Rennen. Mein Ziel mich unter den Top 10 zu platzieren hatte ich zwar nicht erreicht, aber alle kamen wohlbehalten am Ziel an und ich konnte Ferran seine Vespa in einem Stück, abzüglich einiger Kratzer, zurückgeben. Eine Vespa erscheint nicht wirklich geeignet für diese Art von Wettbewerb aber das war ja genau der Punkt: mit einer geländetauglichen Maschine hätte das Ganze garantiert nicht so viel Spass gemacht.

 

Sticky

 

 

Weitere Bilder gibts auf www.vesparaidmaroc.com oder hier auf flickr. In der Januar Ausgabe der SCOOTERING wird es den vollen Bericht zu dieser Veranstaltung geben, kaufen!

Bilder mit heißem Dank von Sticky, www.vesparaidmaroc.com und www.rcfilms.es'

 

Video vom Rennen:

 

 

 

 


Eingetragen Nov 20 2014, 07:03 von Ralf

 
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